Neuigkeiten aus der Forschung2016-11-30T10:18:09+01:00

Neuigkeiten aus der Forschung

Chiropraktik gegen Corona? Keine Evidenz zur Stärkung des Immunsystems gefunden

Unglaublich, aber leider wahr: Es gibt Chiropraktoren, auch hier in Deutschland, die in diesen Wochen damit werben, dass chiropraktische Behandlungen einen Effekt auf das Immunsystem hätten und zwar einen aktivierenden oder stärkenden Effekt. Die weltweite Berufsgruppe der Chiropraktoren ist in Chiropraktoren mit einem evidenzbasierten Zugang und Chiropraktoren mit einem unorthodoxen Zugang gespalten. Der Kongress des Weltverbands der Chiropraktoren im Jahr 2019 kann als Wendepunkt in der Geschichte der Chiropraktik mit einer klaren Orientierung auf den evidenzbasierten Zugang eingehen. Gerade Chiropraktoren, die an einer Universität in den USA studiert haben (nicht pauschal und es betrifft auch Universitäten außerhalb der USA), haben eher einen unorthodoxen Zugang. Zu den beiden Gruppen innerhalb der Berufsgruppe der Chiropraktoren finden Sie weitere Informationen am Ende dieses Artikels.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat COVID-19 als pandemisch eingestuft, das heißt, dass der Virus sich unkontrolliert über Staatsgrenzen hinweg ausbreitet. Die Weltgesundheitsorganisation hat daher Informationen und Anleitungen herausgegeben, die darauf abzielen, die Verbreitung von COVID-19 zu reduzieren und die Pandemie zu kontrollieren. Dies herausgegebenen Informationen umfassten auch die Korrektur von falschen Informationen über COVID-19. Der Weltverband der Chiropraktoren (World Federation of Chiropractic (WFC)) hat die Weltgesundheitsorganisation in ihren Ratschlägen und Empfehlungen unterstützt und am 17.03.2020 eine Empfehlung an die weltweite Berufsgruppe der Chiropraktoren herausgegeben.

Chiropraktoren, die in Dänemark das Medizinstudium mit Fachrichtung Chiropraktik bzw. Klinische Biomechanik absolviert haben, gehören zu fast 100% zur Gruppe der evidenzbasierten Chiropraktoren. Sie basieren ihre Behandlungen auf neueste und qualitativ hochwertige Forschungsergebnisse. Aufkleber der Dänischen Chiropraktorengesellschaft fotografiert von Alexander Meier, Mitglied der Dänischen Chiropraktorengesellschaft

Eine der Schlüsselmitteilungen des WFC-Ratgebung ist der Mangel an glaubwürdiger wissenschaftlicher Evidenz für Behauptungen, chiropraktische Eingriffe hätten einen Effekt auf die Aktivierung des Immunsystems und die Stärkung des Immunsystems.  [Anm.: Evidenz ist eine Erkenntnis, die auf wissenschaftlichen Forschungsergebnissen basiert, die durch Forschungsstudien, die hohen Qualitätsanforderungen genügen müssen, hervorgebracht werden].

Immunität wird definiert als die Fähigkeit eines Organismus, einer Krankheit zu widerstehen, entweder durch Aktivitäten von spezialisierten Blutzellen oder Antikörpern, die von diesen als Antwort darauf, ihnen natürlich ausgesetzt zu sein oder durch lebendvirus-Impfung oder das Einspritzen eines Gegenmittels oder den Transfer von Antikörpern von der Mutter auf ihr Baby über die Muttermilch produziert werden.

Die Literaturauswertung bezieht sich auf Material, von denen der Weltverband der Chiropraktoren weiß, dass es zitiert wurde, um Ansprüche, dass chiropraktische Behandlungen einen aktivierenden oder stärkenden Effekt auf das Immunsystem hätten, zu unterstützen.

Zu welchem Ergebnis kamen die Forscher?  Es wurde keine glaubwürdige wissenschaftliche Evidenz dafür gefunden, dass chiropraktische Eingriffe an der Wirbelsäule irgendeinen klinisch relevanten Effekt auf das Immunsystem haben. Die zur Verfügung stehenden Studien haben eine kleine Fallzahl und einen Mangel an symptomatischen Teilnehmern. Es gibt derzeit keine glaubwürdige wissenschaftliche Evidenz, die Behauptungen erlauben würden, dass chiropraktische Eingriffe an der Wirbelsäule die Immunität aktivieren oder stärken, die von Chiropraktoren kommuniziert werden könnten/sollten. Für den Fall, dass neue wissenschaftliche Evidenz auftaucht, wird sie kritisch geprüft werden, indem wissenschaftliche Analysemethoden angewendet werden.

Quelle:

World Federation of Chiropractc 2020: The Effect of Spinal Adjustment/Manipulation on Immunity and the Immune System: A Rapid Review of Relevant Literature, World Federation of Chiropractic, March 19, 2020, unter: https://www.wfc.org/website/images/wfc/Latest_News_and_Features/Spinal_Manipulation_Immunity_Review_2020_03_19.pdf (abgerufen am 20.03.2020). 

Evidenzbasierte und unorthodoxe Chiropraktoren

Die Chiropraktik ist weltweit in zwei Lager geteilt. Den evidenz-basierten Chiropraktoren stehen die Vertreter des Subluxationskonzeptes gegenüber. Letztere sind der Auffassung, dass eine Gelenkblockade Ursache aller Krankheiten (einschließlich Krebs) sein kann, und sie lehnen oftmals auch die Existenz von Bakterien und Viren ab. Zudem liegt ihre Röntgenrate bei neuen Patienten erheblich höher als bei evidenz-basierten Chiropraktoren und sie behandeln erheblich mehr Patienten pro Woche als evidenz-basierte Chiropraktoren. Oftmals werden auch Flatrates angeboten und mehrere Patienten in einem Raum versammelt, in dem Glauben, dass die Behandlung des ersten Patienten bereits positive Auswirkungen auf die anderen noch nicht behandelten Patienten habe.

Während die evidenz-basierte Chiropraktik für die meisten Chiropraktoren in Europa eine Selbstverständlichkeit darstellt, ist dies weltweit oft nicht der Fall. Selbst in Europa sind nach einer Studie von 2017 20% der Chiropraktoren Vertreter von unorthodoxen Einstellungen (Subluxationskonzept) (vgl. Gislason et al. 2019). Vor allem für dänische bzw. skandinavische und schweizerische Chiropraktoren, deren Universitätsstudium in das Medizinstudium integriert ist und die im Gesundheitssystem eine arztgleiche Rolle ausüben, ist der unorthodoxe Zugang eher befremdlich. Die Arbeit in Chiropraktik-Praxen und von Chiropraktoren in Krankenhäusern ist in Skandinavien wie in der Schweiz reguliert und basiert auf Richtlinien, die auf Grundlage der neuesten Forschung erstellt und überarbeitet werden. Dänemark ist zudem weltweit Spitzenreiter im Hinblick auf die Forschung im Bereich des Muskel-Gelenk-Apparats. Auch dass der Patient im Mittelpunkt stehen sollte und der Behandlungsverlauf individuell an den jeweiligen Patienten angepasst wird, unnötige Strahlenbelastung durch Röntgen vermieden wird und die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren im Gesundheitssystem angestrebt bzw. gelebt wird, ist für in Skandinavien und der Schweiz ausgebildete oder praktizierende Chiropraktoren eine Selbstverständlichkeit. Unsere Praxis, das Chiropraktor-Haus, arbeitet mit einem in Dänemark ausgebildeten und in Dänemark Langezeit tätigen Chiropraktor, der auch die Kassenzulassung des Dänischen Gesundheitsministeriums besitzt, ausschließlich evidenz-basiert und patientenfokussiert. Durch die Zulassung von Chiropraktoren als Heilpraktiker in Deutschland sind der interdisziplinären Arbeit (z. B. durch Überweisungen) in Deutschland Grenzen gesetzt.

Quelle:

Gislason, Halldor/ Salminen, Jari/ Sandhaugen, Linn/ Storbraten, Andreas/ Versloot, Renske/ Roug, Inger/ Newell, Dave 2019: The shape of chiropractic in Europe: a cross sectional survey of chiropractor’s beliefs and practice, in: Chiropractic & Manual Therapies, 27:16, unter: https://chiromt.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12998-019-0237-z (abgerufen am 25.03.2020).

27.03.2020 Ι aus der Forschung

Kein Absenken der Druckschmerzschwelle nach chiropraktischen Eingriffen

Die Forschergruppe aus Frankreich untersuchte chiropraktische Eingriffe an der Wirbelsäule und Druckschmerz bei jungen Studienteilnehmern, die keine Symptome hatten. [Anmerkung: Der Effekt auf den Druckschmerz bei asymptomatischen Patienten ist insofern von Interesse, als Patienten mit Symptomen immer wieder von empfindlicheren oder schmerzhafteren Bereichen nach einem chiropraktischen Eingriff berichten.] Es wurde [in früheren Forschungsergebnissen] gezeigt, dass chiropraktische Eingriffe an der Wirbelsäule eine Auswirkung auf die Schwelle von Druckschmerz bei Personen ohne Symptome haben, gleichzeitig wurde dies noch nicht mit einem Placebo-Prozedur verglichen. Die Forscher untersuchten den Effekt von chiropraktischen Eingriffen an der Wirbelsäule auf die Druckschmerzschwelle bei (1) Messung im Bereich der Intervention und (2) in einem Bereich fern der Intervention. Zusätzlich wurden die Größe und Dauer der Auswirkung gemessen.

Chiropraktik Chiropraktor Rückenschmerzen Brustrücken

Chiropraktor Alexander Meier erläutert, wo sich die Brustwirbelsäule befindet.

In einem zufälligen Versuch wurden von 50 Chiropraktikstudenten ohne Symptome die Druckschmerzschwelle zum Ausgangszeitpunkt, sofort nach der Intervention und alle 12min nach der Intervention über einen Zeitraum von 45min gemessen, indem die Werte nach dem chiropraktischen Eingriff an der Wirbelsäule und ein zuvor bewerteter Scheinbehandlung verglichen wurden. Der Versuch wurde in zwei Sitzungen erhoben, zwischen denen 48 Stunden lagen. Die Druckschmerzschwelle wurde sowohl in dem Bereich als auch fern des „behandelten“ Wirbelsäulensegment in der Brustwirbelsäule gemessen. Die Blendung der Teilnehmer wurde getestet mit einem Fragebogen, der nach der Intervention ausgefüllt werden musste. [Anmerkung: Blendung bzw. blinding bedeutet, dass die Studienteilnehmer nicht wissen, wann tatsächlich ein Eingriff stattfindet und wann ein Scheineingriff eingesetzt wird]. Die Forscher werteten die Ergebnisse statistisch aus. Wenn ein signifikanter Unterschied zwischen zwei Gruppen gefunden wurde, wurde eine Effektgröße berechnet. Die statistische Signifikanz wurde auf p < 0.05 gesetzt [Anmerkung: p < 0.05 bedeutet: Ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ergebnis zufällig entstanden ist, kleiner als 5%, gilt es als signifikantes Ergebnis].

Zu welchem Ergebnis kamen die Forscher? Die Versuchsteilnehmer wurden erfolgreich geblindet [Anmerkung: Das heißt, sie wussten nicht, wann tatsächlich ein Eingriff stattfand und wann es ein Scheineingriff war]. Es wurden keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen einem chiropraktischen Eingriff an der Wirbelsäule und Täuschungseingriffen gefunden und zwar zu jedem Zeitpunkt und in jedem anatomischen Bereich.

Der Vergleich zu validierten Scheinprozeduren und mit erfolgreich geblindeten Studienteilnehmern ergab keinen regionalen oder entfernten Effekt eines chiropraktischen Eingriffs an der Wirbelsäule in der Brustwirbelsäule auf die Druckschmerzschwelle bei jungen schmerzfreien Personen.

[Anmerkung: Der Versuch bestätigt, dass es eine körperliche Reaktion auf das Lösen von Gelenkblockaden bei Patienten mit Symptomen ist, wenn ein Körperbereich empfindlicher bzw. schmerzhafter wird. Bei Patienten ohne Symptome passiert bei der gleichen Behandlung nichts.].

Quelle:

Honoré, Margaux/Picchiottino, Mathieu/Wedderkopp, Niels/Leboef-Yde, Charlotte/Gagey, Olivier 2020: What is the effect of spinal manipulation on the pressure pain threshold in young, asymptomatic subjects? A randomized placebo-controlled trial, with a cross-over design, in: Chiropractic & Manual Therapies 28, unter: https://chiromt.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12998-020-0296-1 (abgerufen am 12.03.2020).

16.03.2020 Ι aus der Forschung

Überdiagnose Wirbelsäulengicht: Neue Forschungsergebnisse können helfen

Neue Forschungsergebnisse können die Überdiagnose von Wirbelsäulengicht (Spondylitis bzw. Spondylarthritis bzw. Spondyloarthritis bzw. Morbus Bechterew) verringern. Die Krankheit ist eine entzündliche Erkrankung, die mit Schmerzen im Rückenbereich einhergeht und zu einer Versteifung von Wirbelsäulengelenken führen kann. Die Krankheit tritt oft in jungen Lebensjahren auf. Für diejenigen, die am härtesten betroffen sind, ist der Endzustand eine schwere Deformität aufgrund des Zusammenwachsens der Gelenke von Rücken und Becken. Spondylarthritis betrifft ca. 1 % der Bevölkerung in Dänemark [Anm.: auch in Deutschland]. Zu den Behandlungsmöglichkeiten gehören Information, Training, NSAIDs (nicht-steroide entzündungshemmende Medikamente) und eine biologische Behandlung.

Die Diagnose Wirbelsäulengicht wird all zu oft auf unsicherer wissenschaftlicher Grundlage gestellt. Dies führt zu einem Risiko für Überdiagnosen und Überbehandlung. Eine neue Studie der Süddänischen Universität (SDU) kann Ärzte dabei unterstützen, diejenigen Patienten zu identifizieren, die wirklich die entsprechenden Symptome aufweisen und an Spondylitis erkrankt sind. Wirbelsäulengicht ist eine relativ seltene, gleichwohl schwerwiegende entzündliche Erkrankung. Im Krankheitsverlauf können die Gelenke geschädigt werden und schwere Behinderungen folgen. Es werden aktuell Forschungsmethoden verwendet, die unsicher sind und unzureichend dafür sind, zwischen Patienten, die Gelenkschäden entwickeln können, und Patienten, deren Rückenschmerzen nicht durch Spondylitis ausgelöst werden, zu unterscheiden. Dies zeigt eine neue Studie des Instituts für Klinische Biomechanik und Sport der SDU, die in der Fachzeitschrift Arthritis & Rheumatology veröffentlicht wurde.

Die Forscher fanden heraus, dass MRT-Scans einen Fehlalarm auslösen können. Analysen zeigten, dass einige der MRT-Befunde, von denen früher angenommen wurde, dass sie spezifisch für Wirbelsäulengicht sind, oft vorübergehende Erscheinungen abbilden, die nicht zu strukturellen Gelenkschäden führen. Veränderungen sind häufig, aber häufig eben nicht mit Spondylitis in Verbindung zu bringen. Zugleich fanden die Forscher andere seltenere Veränderungen, die sich oft zu strukturellen Gelenkschäden entwickeln und daher Ausdruck von Spondylitis sind.

Es kann schwierig sein, Wirbelsäulengicht von allgemeinen Rückenschmerzen zu unterscheiden. Trotz der sich entwickelnden Technologie für Scans, die präziseres Scannen erlauben, ist die Medizin noch nicht gut genug darin, die wenigen Patienten zu identifizieren, die das Risiko von Gelenkschäden haben. Die aktuellen diagnostischen Kriterien umfassen auch Veränderungen, die häufig sind und möglicherweise nicht mit Wirbelsäulengicht in Zusammenhang stehen. Dadurch besteht das Risiko, dass mit den derzeitig eingesetzten Methoden die Krankheit Spondylitis überdiagnostiziert wird und auf Grundlage dieser falschen Diagnose zu viele Patienten (falsch) behandelt werden.

Die Ergebnisse der Studie der SDU können dazu beitragen, die Diagnose von Spondylitis zu verbessern und dazu führen, dass nur diejenigen, die sie benötigen, die medizinische Behandlung für Wirbelsäulengicht erhalten. Gleichzeitig wird das Risiko einer Fehldiagnose und einer langfristigen medizinischen Behandlung verringert.

Viele haben Rückenschmerzen, die die Lebensqualität und tägliche Aktivität einschränken. In der Mehrheit der Fälle wird der Schmerz durch einen relativ „gutartigen“ Zustand ausgelöst, von dem keine strukturellen Schäden an Gelenken und Muskeln ausgehen. Nur bei einer geringen Fallmenge wird der Schmerz tatsächlich durch Spondylitis hervorgerufen. Spondylitis tritt oft in jungen Jahren auf und wird teilweise mit einer langwierigen medizinischen Behandlung behandelt, die mit schweren Nebenwirkungen verbunden und sehr teuer ist.

In der Studie der Süddänischen Universität wurden 604 Teilnehmer zwischen 18 und 40 Jahren untersucht, die mit Rückenschmerzen an das Rückenzentrum Süddänemark im Zeitraum von 2011 bis 2013 überwiesen wurden. Alle Teilnehmer erhielten zu Beginn der Studie und nach vier Jahren einen MRT-Scan.  Das Forschungsprojekt wurde von der SDU in Zusammenarbeit mit dem Rygcenter Syddanmark, der Röntgenabteilung des Krankenhauses in Vejle, dem Gråsten Gigthospital und dem Københavns Center for Artritforskning, Rigshospitalet, durchgeführt.

Quelle:

SDU 2020: Ny forskning kan mindske overdiagnosticering af gigt i rygsøjlen, unter: https://www.sdu.dk/da/om_sdu/institutter_centre/iob_idraet_og_biomekanik/nyt_iob/ny+forskning+kan+mindske+overdiagnosticering+af+gigt+i+rygsoejlen?fbclid=IwAR1cWfdHnrFDlA_ZCR8SzPdps4oDH5dt6hRs0vmDQrdAMaUpDoeqPbynOp8 (abgerufen am 24.02.2020)

25.02.2020 Ι aus der Forschung

Kolik – Krankheit oder Symptom? Eine einzige Heilung für Koliken zu finden, ist unwahrscheinlich

Professorin Lise Hestbæk, Lehrstuhl für Klinische Biomechanik an der Süddänischen Universität (SDU), hat auf einen Debattenbeitrag in der Zeitung Politiken vom 19.01.2020 reagiert. Dort hat der Pädagoge Jesper Kjems, der Vater von drei Kindern ist, wovon zwei die Diagnose Kolik erhalten haben, sich dafür ausgesprochen, die Eltern von Kolikkindern ernst zu nehmen, den Kindern nicht zu bescheinigen, kerngesund zu sein, und den verzweifelten Eltern Unterstützung zu geben. Die Frustration auf Seiten der Eltern würde dadurch weiter gefördert, dass es keine fundierte Behandlung gebe, die die Symptome lindern können, so Kjems. Der Pädagoge hat ein Buch mit dem Titel „Kolik – ein Weg durch die Krise“ geschrieben, das im Herbst veröffentlicht wird. Kjems hat die Vision, dass eines Tages die Ursache der Kolik gefunden werde und eine Kur entwickelt würde.

Quelle: Dansk Kiropraktor Forening 2020

Koliken sind als anhaltendes und unerklärliches Weinen bei einem Kind definiert, das sich ansonsten normal entwickelt, erläutert Professorin Lise Hestbæk. „Kolik“ werde bedauerlicherweise häufig als Diagnose angesehen und vielfach mit Darmproblemen verbunden. Dabei ist Kolik keine Diagnose und keine Krankheit, sondern sagt lediglich etwas über den Zustand „stark weinendes Kind“ (Symptome) aus. Die „Diagnose“ beruht ausschließlich auf Weinen und Weinen kann viele Ursachen haben, so Hestbæk. Die Professorin stellt klar, dass es daher unwahrscheinlich ist, die eine Ursache und im nächsten Schritt Heilung, die allen weinenden Säuglingen hilft, für Koliken zu finden. Wir müssten andere Wege gehen, um besser einzuschätzen, warum das Kind weint, so die Forscherin. Vor einem solchen Hintergrund könne man eine sinnvolle Behandlungsstrategie entwickeln.

Es gebe einige Behandlungsarten mit teilweise dokumentierter Wirkung, so die Forscherin der SDU. Die am besten untersuchten Behandlungen seien Chiropraktik (vom Chiropraktor, zum Unterschied Chiropraktor Chiropraktiker Chirotherapeuth Osteopath) und probiotische Behandlung. Gleichwohl könnten Chiropraktik und probiotische Behandlung nicht allen Babys bei Koliken helfen. Wenn das Baby wegen Gelenkblockaden und Muskelverspannungen schreie, sei es wahrscheinlich, dass Chiropraktik helfen kann, während Probiotika-Behandlung eher helfe, wenn das Weinen von einem gestörten Darmsystem herrühre. Darüber hinaus gebe es Hinweise darauf, dass einige Babys wegen einer Unverträglichkeit gegenüber Kuhmilcheiweiß weinen. In diesem Fall wäre es wahrscheinlich hilfreich, wenn Kuhmilch von der Ernährung ausgeschlossen würde (bzw. die Mutter auf Kuhmilch verzichtet während der Stillzeit). In anderen Fällen hätten die Eltern möglicherweise noch nicht gelernt, wie man das Baby liest – hier kann ein Leistungserbringer Unterstützung geben. Vielleicht habe das Kind auch Ohrenschmerzen. Es gebe mehrere mehr oder weniger wahrscheinliche Ursachen für das Weinen und daraus folgende Optionen für die Behandlung, erläutert Hestbæk.

Es gebe daher keine einzige Ursache und keine einzige Behandlung. Die vernünftigste Strategie bei einem stark weinenden Baby wäre, die wahrscheinlichste Ursache für das Weinen zu identifizieren und eine entsprechende Behandlung zu wählen und auszuprobieren. Hier helfe ein guter Dialog mit einem Leistungserbringer, so Professorin Hestbæk. Wenn die gewählte nicht wirke, solle man die zweitwahrscheinlichste Ursache annehmen und eine entsprechende Behandlung ausprobieren. Sollten die Eltern die richtige Behandlung gewählt haben, sei eine sehr schnelle Wirkung zu erwarten. Man sollte daher nicht wochenlang auf eine Besserung hoffen. Bei keiner der genannten Behandlungen seien schwerwiegende Nebenwirkungen festgestellt worden, so die Forscherin von der SDU.

Mit diesem Beitrag möchte sie dazu ermutigen, sagt Professorin Lise Hestbæk, weinende Babys mit einer nuancierten Brille zu betrachten und einen offenen Dialog über das individuelle Baby als Eltern untereinander und mit Ärzten, Chiropraktoren, Hebammen, Gesundheitsdienstleistern und allen anderen zu führen.

[Anm.: Lise Hestbæk erwähnte Forschung zu Chiropraktik bei Koliken. Hier finden Sie Zusammenfassungen von Forschungsartikeln zu Babykoliken. Zu Babykoliken wird gerade ein Forschungsprojekt am Nordischen Institut für Chiropraktik und Klinische Biomechanik durchgeführt, das den Wirkmechanismus von Chiropraktik bei Babykolik genauer untersuchen soll].

Quelle:

Hestbæk, Lise 2020: Kolik – sygdom eller symptom?, unter: https://www.danskkiropraktorforening.dk/nyheder/2020/kolik-sygdom-eller-symptom/

Chronik der Debatte: https://politiken.dk/debat/kroniken/art7591185/Desperate-for%C3%A6ldre-har-brug-for-anerkendelse-og-st%C3%B8tte

11.02.2020 Ι aus der Forschung

Glaubenssätze von Patienten mit Rückenschmerzen im Lendenwirbelbereich

Rückenschmerzen im unteren Rücken stehen an erster Stelle der Ursachen für Bewegungseinschränkungen weltweit und fast jeder wird zu einem Zeitpunkt seines Lebens Rückenschmerzen im unteren Rücken erleben. Rückenschmerzen im unteren Rücken folgen oft einem episodischen Muster, wobei die meisten Episoden gutartig sind. Gleichwohl gehen manche Episoden in einen anhaltenden Zustand über und manche Personen entwickeln Bewegungseinschränkungen zusammen mit ihren Rückenschmerzen im unteren Rücken. Ein wichtiger Faktor, der die Entwicklung von Bewegungseinschränkungen bei Personen mit Rückenschmerzen im unteren Rücken beeinflussen kann, sind deren Glaubenssätze über Rückenschmerzen.

Eine Methode, diese Glaubenssätze zu messen, ist der Rückgriff auf den Fragebogen Back Belief Questionnaire (BBQ), der 1996 entwickelt wurde. Der Fragebogen besteht aus Aussagen im Hinblick auf wahrgenommene unausweichliche negative Konsequenzen einer Episode von Rückenschmerzen wie zum Beispiel „Rückenprobleme heißt Schmerzperioden für den Rest seines Lebens“ oder „Wenn Du einmal Rückenschmerzen gehabt hast, ist da immer eine Schwachstelle“. Der Fragebogen BBQ) wurde breit genutzt und validiert.

Negative Glaubenssätze für den Rücken stehe in Zusammenhang mit Schmerzgeschichte, Verhalten der Suche nach medizinischer Unterstützung und schwächere Ergebnisse (outcomes) von Rückenschmerzen im unteren Rücken wie stärkere Bewegungseinschränkung und Schmerz. Schlecht angepasste Krankheitswahrnehmung werden in Zusammenhang gestellt mit stärkeren Schmerzen und niedriger physischer Funktion bei Patienten mit Schmerzen im Bewegungsapparat. Obwohl die Evidenz annimmt, dass negative Glaubenssätze in Bezug auf Rückenschmerzen in Zusammenhang stehen mit Rückenschmerzen im unteren Rücken und Bewegungseinschränkung, fehlen immer noch hochqualitative Studien, die Glaubenssätze in Bezug auf Rückenschmerzen in der klinischen Population untersuchen. Patienten mit anhaltenden Rückenschmerzen nehmen ihren Rücken wie eine kaputte Maschine wahr, was darauf zurück geführt wurde, was sie von Gesundheitsdienstleistern gelernt hatten. Damit klinisches Personal keine negativen Glaubenssätze vermittelt und die vorhandenen Glaubenssätze adressiert, muss verstanden werden, wie Glaubenssätze entwickelt werden und welcher Typ und welches Ausmaß von Glaubenssätzen schädlich sein könnte für die Genesung von Patienten mit Rückenschmerzen im unteren Rücken.

Das Ziel der Studie von Søren Grøn und seinen Kollegen war, die Glaubenssätze in einer gemischten klinischen Population von Patienten mit Rückenschmerzen im unteren Rücken zu beschreiben und herauszufinden, ob bestimmte Patientencharakteristika mit bestimmten Glaubenssätzen in Zusammenhang stehen.

Patienten im Alter von mindestens 18 Jahren, die sich mit einer neuen Episode von Rückenschmerzen im unteren Rücken mit oder ohne ausstrahlendem Schmerz und aller Symptomdauer vorstellten, wurden bei Chiropraktor-Praxen in Dänemark rekrutiert. [Anmerkung: Chiropraktoren in Dänemark sind sowohl im Primärsektor (Praxen) als auch im Sekundärsektor (Krankenhäuser) tätig. Der Patient kann sich direkt vorstellen und benötigt keine Überweisung für Chiropraktor-Leistungen. Chiropraktor-Leistungen sind Leistungen der staatlichen Krankenkasse.] 2.293 Patienten wurden in die Studie einbezogen. Der BBQ-Fragebogen wurde beim ersten Besuch, nach drei Monaten und nach 12 Monaten ausgefüllt. Soziodemographische und symptombezogene Fragen wurden zum Ausgangspunkt der Studie beantwortet. Ein BBQ-Summenergebnis wurde zu allen drei Zeitpunkten berechnet und verschiedene statistische Analysen wurden durchgeführt.

Im Allgemeinen war das BBQ-Summenergebnis hoch und zeigte positive Glaubenssätze in Bezug auf Rückenschmerzen an, jedoch mit einer weiten Spanne der beobachteten Ergebnisse. Zu allen drei Zeitpunkten war die Aussage 14 „Später im Leben werden Rückenschmerzen fortschreitend schlimmer“ die Aussage, der die meisten Patienten zustimmten (34% zum Ausgangszeitpunkt, 26% zum 3-Monate-Zeitpunkt und 31% zum 12-Monate-Zeitpunkt). Darauf folgte Aussage 6 „Rückenprobleme macht alles im Leben schlimmer“. Die Aussage 1 „Es gibt keine richtige Behandlung für Rückenprobleme“ (6%, 8% und 9%) war die Aussage, der am wenigsten Patienten zu allen drei Zeitpunkten zustimmten. Die am zweitwenigsten gewählte Aussage war Aussage 10 „Rückenprobleme meint lange Perioden weg von der Arbeit“ (12%, 8% und 10%).

Die BBQ-Ergebnisse zum Ausgangszeitpunkt wurden mit fast allen untersuchten Patientencharakteristika mit p-values < 0.05 assoziiert, aber die meisten Zusammenhänge waren schwach und erklärten wenig der Varianz der BBQ-Ergebnisse. Der stärkste Zusammenhang war zwischen negativen Glaubenssätzen und schwerer Bewegungseinschränkung im Vergleich zu keiner Bewegungseinschränkung. Zudem waren eine lange Geschichte von Rückenschmerzen und hohe Schmerzintensität mit negativen Glaubenssätzen assoziiert. Weibliche Patienten hatten mehr positive Glaubenssätze als männliche Patienten.

Vor der Studie hatten 67% der Teilnehmer medizinische Hilfe für frühere Episoden von Rückenschmerzen im unteren Rücken gesucht und 33 % hatten medizinische Hilfe bei anderen Gesundheitsdienstleistern für die aktuelle Episode gesucht. Es wurde keine systematische Beziehung beobachtet zwischen irgendeiner früheren Suche nach medizinischer Hilfe und BBQ-Ergebnissen, aber es wurden mehr negative Glaubenssätze berichtet von denjenigen Patienten, die einen Allgemeinmediziner aufgesucht hatten im Vergleich zu jenen, die keine Allgemeinmedizin in Anspruch nahmen. Diejenigen, die einen anderen Gesundheitsdienstleister für ihre aktuelle Episode von Rückenschmerzen aufgesucht hatten, hatten 0,95 Ergebnisse niedriger beim BBQ im Vergleich zu denjenigen, die keinen anderen aufgesucht hatten. Die Vorstellung bei einem Allgemeinmediziner hatten die stärkste negative Assoziation mit Glaubenssätzen. Patienten, die mehr als einen Gesundheitsdienstleister für ihre aktuelle oder frühere Episode von Rückenschmerzen aufgesucht hatten, hatten niedrigere BBQ-Ergebnisse im Vergleich zu denjenigen, die keinen oder nur einen Gesundheitsdienstleister aufgesucht hatten.

Zum Zeitpunkt von drei Monaten und 12 Monaten stimmten Teilnehmer ohne Rückenschmerzen mehrheitlich der Aussage 6 „Rückenprobleme macht alles im Leben schlimmer“ (32% sowohl beim 3-Monate- als auch beim 12 -Monate-Zeitpunkt) zu, gefolgt von Aussage 8 „Rückenprobleme bedeutet, dass Du im Rollstuhl enden wirst“ (26% bzw. 24%). Zum Zeitpunkt von drei Monaten stimmten die wenigsten Patienten Aussage 1 (5%) gefolgt von Aussage 3 „Rückenprobleme bedeutet Schmerzperioden für den Rest seines Lebens“ (10 %) zu. Zum Zeitpunkt von 12 Monaten stimmten die wenigsten Patienten Aussage 3 (6%) gefolgt von Aussage 1 (7%) zu.

Zu welchem Ergebnis kamen die Forscher? Dies ist die erste Studie, die Glaubenssätze in Bezug auf Rückenschmerzen in einer klinischen Kohorte von Chiropraktor-Patienten zu verschiedenen Zeitpunkten während und nach der Suche nach medizinischer Unterstützung untersucht. Die Forscher fanden heraus, dass die Teilnehmer überwiegend der Unausweichlichkeit von negativen Konsequenzen von Rückenschmerzen im unteren Rücken nicht zustimmten. Auf der Ebene der Population unterschieden sich die BBQ-Ergebnisse nicht stark zwischen dem Ausgangszeitpunkt, dem 3-Monate-Zeitpunkt und dem 12-Monate-Zeitpunkt. Patienten mit hoher Schmerzintensität und hoher Bewegungseinschränkung hatten die negativsten Glaubenssätze. Die Glaubenssätze unterschieden sich interessanterweise nur wenig zwischen Patienten, die genesen waren, und denjenigen, die immer noch von Schmerzen zum Zeitpunkt von 3 Monaten und/oder 12 Monaten berichteten.

[Anmerkung: Die Studie wurde in Dänemark durchgeführt. Da die Patientenpopulation in Deutschland nicht gleich sein wird, wäre es interessant, eine solche Studie zu Glaubenssätzen bei Rückenschmerzen in Deutschland durchzuführen.]

Quelle: Grøn, Søren/ Krüger Jensen , Rikke/ Jensen, Teu Secher/ Kongsted, Alice 2019: Back beliefs in patients with low back pain: a primary care cohort study, in: BMC Musculosceletal Disorders, 20: 578, https://bmcmusculoskeletdisord.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12891-019-2925-1 (abgerufen am 27.01.2020).

28.01.2020 Ι aus der Forschung