Neuigkeiten aus der Forschung2016-11-30T10:18:09+01:00

Neuigkeiten aus der Forschung

Rückenschmerzen: Behandlungen mit wenig Wirksamkeit reduzieren – ein Aufruf zum Handeln

Im Jahr 2018 veröffentlichte die Fachzeitschrift The Lancet drei Fachartikel, die von 31 Forschern von verschiedenen Fachdisziplinen und 12 verschiedenen Staaten geschrieben wurden (das Chiropraktor-Haus berichtete damals). Die Serie über Rückenschmerzen machte auf die steigende Zahl von Personen mit Rückenschmerzen im unteren Rücken aufmerksam, die teilweise weniger hochwertiger Behandlung zugeschrieben wurde.

Rückenschmerzen im unteren Rücken sind weit verbreitet. Quelle Foto: Kiropraktoren Nr. 2 2018, S. 7

Viele Personen mit Rückenschmerzen in der Lendenwirbelsäule (unterer Rücken) erhalten die falsche Behandlung. Dies verursacht Leiden für Millionen von Menschen und  verschwendet wertvolle Ressourcen im Gesundheitssystem. Auf Grundlage einer aktuellen und evidenz-basierten Synthesis [Anm.: Evidenz ist eine Erkenntnis, die auf wissenschaftlichen Forschungsergebnissen basiert, die durch Forschungsstudien, die hohen Qualitätsanforderungen genügen müssen, hervorgebracht werden] beschrieben die drei in The Lancet veröffentlichten Artikel aktuelle Behandlungen, die auf medizinischen Leitlinien für Rückenschmerzen im unteren Rücken beruhen, und neue Strategien. Die Autoren schlugen zudem verschiedene Maßnahmen vor, um den alarmierenden Anstieg von Behinderungen bzw. Beeinträchtigungen durch Rückenschmerzen im unteren Rücken weltweit umzukehren. Ein besseres Verständnis von Rückenschmerzen im unteren Rücken in verschiedenen Kulturen und Veränderungen in der Art, wie Behandlungen für Rückenschmerzen im unteren Rücken an den Patienten „geliefert“ werden, und wie Ärzte vergütet werden sind die Schlüssel zur Lösung des Problems.

Rückenschmerzen im unteren Rücken (Lendenwirbelsäule) ist ein verbreitetes Problem, das alle Altersgruppen von Kindern bis zu Senioren betrifft. Während es für nur einen kleinen Anteil von Betroffenen sehr beeinträchtigend ist, bedeutet die weite Verbreitung, dass Rückenschmerzen im Jahr 2015 verantwortlich waren für 60,1 Millionen Beeinträchtigungs-angepasste Lebensjahre. Dies ist ein Anstieg von 54% im Vergleich zum Jahr 1990. Rückenschmerzen im unteren Rücken ist diejenige Ursache für Behinderung, die weltweit an erster Stelle steht und dies bei Männern und Frauen gleichermaßen. Rückenschmerzen im unteren Rücken sind sehr teuer für das Gesundheitssystem. Rückenschmerzen in der Lendenwirbelsäule sind zudem die häufigste Ursache für Krankschreiben und Frühverrentung in Europa und damit auch für das Sozialsystem sehr teuer.

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Chiropraktor Alexander Meier zeigt, in welchem Bereich man von Rückenschmerzen im unteren Rücken spricht.

In Staaten mit hohem Einkommen suchen ca. 50% der Personen mit Rückenschmerzen pro Jahr medizinische Hilfe und 30% haben in den letzten drei Monaten medizinische Hilfe ersucht. Die Verbreitung von medizinischer Unterstützung, die wenig Effektivität hat – wie die Vorstellung in einer Notaufnahme, der freimütige Gebrauch von diagnostischer Bildgebung, Opioide, Injektionen in die Wirbelsäule und Operationen – hat zu medizinischen und menschlichen Kosten, die durch die Decke gehen, geführt. Studien zeigen, dass 59% der MRTs bei Rückenschmerzen im unteren Rücken unangemessen sind. Unnötige Scans im MRT bei Personen, die keinen medizinisch ernsthaften Zustand haben, führen zu enormen Kosten im Gesundheitswesen. Eine Studie von 2019 zeigte, dass Bildgebung mit höheren medizinischen Kosten, erhöhter Nutzung der Angebote im Gesundheitssystem und mehr Abwesenheitstagen von der Arbeit verbunden war im Vergleich zu Gruppen, die keine Scans erhielten. Obgleich geringe Evidenz vorliegt für die Unterstützung der meisten Beschwerden im Rücken und eine 20%ige Fehlerrate vorliegt, wird zudem sehr viel Geld für Wirbelversteifungsoperationen ausgegeben. In den USA sind dies die höchsten aggregierten Krankenhauskosten.

Im zweiten Artikel von The Lancet wurde aufgezeigt, dass es eine globale Lücke gibt zwischen Evidenz und Praxis gibt [Anm.: Evidenz ist eine Erkenntnis, die auf wissenschaftlichen Forschungsergebnissen basiert, die durch Forschungsstudien, die hohen Qualitätsanforderungen genügen müssen, hervorgebracht werden]. Dies führt zum einen zu Überbenutzung von medizinischer Unterstützung mit geringem Wert und zu Unterbenutzung von medizinischer Unterstützung mit hohem Wert.

Vielfach werden Medikamente gegen Rückenschmerzen angewendet. Was Medikamente betrifft, so ist die Verschreibung von Opioiden am gefährlichsten und kann zu Abhängigkeit führen. Es gibt Evidenz, dass das Hinzufügen von Opioiden zu nonsteroidalen entzündungshemmenden Medikamenten keine Verbesserung für Personen mit Rückenschmerzen im unteren Rücken bringt.

Es wird noch nicht genug getan, um gegen die steigende Last von Rückenschmerzen im unteren Rücken anzugehen. In The Lancet wurden vielversprechende Lösungen identifiziert, darunter die fokussierte Implementation von best practices, die Umstellung von klinischen Pfaden, integrierte Gesundheits- und Arbeitsmarktunterstützung, Veränderung im Vergütungssystem und in den Gesetzen und Strategien für öffentliche Gesundheit und Prävention.

Quelle: Dansk Kiropraktor Forening

Die Autoren der The Lancet Fachartikel haben 10 Aktionen vorgeschlagen, um die globale Herausforderung von beeinträchtigendem bzw. behindernd machenden Rückenschmerzen im unteren Rücken (Lendenwirbelsäulenschmerzen) anzugehen:

  • Diejenigen, die für Gesundheitsleistungen zahlen, sollten aufhören, für ineffektive und leidbringende Tests und Behandlungen zu zahlen und Forschung für jene Gesundheitsleistungen, die unbewiesen sind, in Auftrag geben.
  • Neue Tests und Behandlungen sollten nicht beworben werden, angewendet werden oder erstattet werden, bevor sie angemessen überprüft wurden auf ihre Sicherheit, Wirksamkeit und Kosten-Effektivität.
  • Gesundheits- und soziale Dienstleistungsanbieter sollten mit Arbeitgebern zusammenarbeiten, um eine frühe Rückkehr auf den Arbeitsplatz anzuregen und Arbeitsbedingungen zu bieten, die angepasst sind auf die Kapazität des Angestellten.
  • Patienten sollte beigebracht werden, Rückenschmerzen im unteren Rücken selbst zu managen und Gesundheitsdienstleistungen nur nachzufragen, wenn sie wirklich gebraucht werden.
  • Weit verbreitete und nicht zutreffende Glaubenssätze über Rückenschmerzen im unteren Rücken in der Bevölkerung und in der medizinischen Fachgruppe sollten herausgefordert werden und der Fokus auf die Auswirkung von Rückenschmerzen im unteren Rücken auf das Leben der Leute statt auf die Nachfrage nach medizinischer Behandlung „zur Heilung“ gesetzt werden.
  • Klinische Abläufe, Pläne für Behandlungen und andere standardisierte Werkzeuge für das Management von Rückenschmerzen im unteren Rücken sollten überarbeitet werden, um eine Integration von Gesundheitsbehandlungen und Arbeitsmarktdienstleistungen zu bewirken – aber erst nach der Etablierung von vergleichender Effektivität und Kosten-Effektivität.
  • Vergütungssysteme und Gesetze sollten geändert werden, um die „Lieferung“ der richtigen Behandlung zu fördern.
  • Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte neue Politikinhalte und dringende politische Handlungen unterstützen, um als Priorität sicherzustellen, dass Strategien umgesetzt werden, um die Behinderungen/Beeinträchtigungen weltweit durch Rückenschmerzen im unteren Rücken zu reduzieren.
  • Forschungsinstitute und zahlende Organisationen (Fonds) sollten in eine intensivierte Forschung investieren, um Lücken im Verständnis von Rückenschmerzen im unteren Rücken anzugehen sowie Forschung zur Umsetzung, wie existierendes Wissen am besten im Alltag genutzt werden kann.
  • Fachzeitschriften und Medien sollten mehr Überblick über Herausgeber und peer reviewer [Anm.: Gutachter; peer-review ist eine Methode zur Qualitätssicherung wissenschaftlicher Artikel durch unabhängige Gutachter aus dem gleichen Fachgebiet] haben, um sicherzustellen, dass die Ergebnisse von klinischen Versuchen akkurat wiedergegeben werden und keine ungerechtfertigten Glaubenssätze in der Wirksamkeit von neuen (oder etablierten aber nicht nachgewiesenen) Therapien wiederspiegeln.

Quelle:  

Buchbinder, Rachelle/Underwood, Martin/Hartvigsen, Jan/Maher, Chris 2020: The Lancet Series call to action to reduce low value care for low back pain: an update, in: Pain, September, volume 61, S57-S64, unter: https://journals.lww.com/pain/Fulltext/2020/09001/The_Lancet_Series_call_to_action_to_reduce_low.7.aspx (abgerufen am 14.10.2020).

15.10.2020 Ι aus der Forschung

Meniskusschaden: Operation und Bewegungstherapie gleich nach zwei Jahren

Bei einem Meniskusschaden raten viele Ärzte zu einer Operation. Doch es gibt noch einen anderen Weg, der die gleichen Effekte bringt: Bewegungstherapie.

Chiropraktor-Haus-Hamburg-Knie

Kniemodell

Eine norwegische Forschergruppe um Nina Kise hat untersucht, ob Meniskus-Operationen besser als Bewegungstherapie für Menschen mittleren Alters sind. An der Studie nahmen 140 Teilnehmern mit einem Durchschnittsalter von 49,5 Jahren mit degenerativem Innenmeniskus, was durch ein MRT festgestellt wurde, teil. Die Teilnehmer kamen von zwei Orthopädieabteilungen in Krankenhäusern und zwei Physiotherapiepraxen in Norwegen. Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Während die eine Gruppe 12 Wochen Bewegungstherapie verordnet bekam, wurden die Teilnehmer in der zweiten Gruppe am Meniskus operiert. Zu welchem Ergebnis kamen die Forscher? Es wurden keine klinisch relevanten Unterschiede der beiden Gruppen nach zwei Jahren gefunden. Die Bewegungstherapie zeigte positivere Effekte beim Aufbau von Muskelstärke im Vergleich zur OP. Die Forscher riefen Ärzte und Patienten mit degenerativem Meniskusschaden und keiner vorliegenden radiologisch festgestellten Arthrose dazu auf, angeleitete Bewegungstherapie als eine Behandlungsoption in Erwägung zu ziehen.

Zur Informationen: Eine athroskopische Operation am Gelenkknorpel und an den Menisken steht laut der Gesundheitsberichterstattung des Bundes auf neunter Stelle der 50 häufigsten Operationen der vollstationären Patienten in Krankenhäusern in Deutschland (vgl. GBE 2018). Im Jahr 2018 wurden 209.318 Operationen an Gelenkknorpeln und Menisken durchgeführt. Über ambulante Operationen an Menisken liegen keine Daten vor.

Quelle: Kise, Nina/Risberg, May/Stensrud, Silje/Ranstam, Jonas/Engebretsen, Lars/Roos, Ewa 2016: Exercise therapy versus arthroscopic partial meniscectomy for degenerative meniscal tear in middle aged patients: randomised controlled trial with two year follow-up, in: British Medical Journal, 1016:354, unter: http://www.bmj.com/content/354/bmj.i3740 (abgerufen am 15.09.2020).

GBE 2018: Die 50 häufigsten Operationen der vollstationären Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern (Rang, Anzahl, Anteil in Prozent). Gliederungsmerkmale: Jahre, Deutschland, Geschlecht, Art der Operation, unter: http://www.gbe-bund.de/oowa921-install/servlet/oowa/aw92/dboowasys921.xwdevkit/xwd_init?gbe.isgbetol/xs_start_neu/&p_aid=i&p_aid=38081758&nummer=666&p_sprache=D&p_indsp=-&p_aid=23685400 abgerufen am 25.07.2016 (abgerufen am 16.09.2020).

16.09.2020 Ι aus der Forschung

Schüler: 70% haben Schmerzen im Muskel-Gelenk-Apparat

Wissen zum Vorkommen und zur Verteilung von Schmerzen im Muskel-Gelenk-Apparat in jungen Lebensjahren wird benötigt, denn Schmerzen im Muskel-Gelenk-Apparat können früh im Leben beginnen und mit dem Alter zunehmen. Die Forscher nahmen Schüler im Alter zwischen acht und sechzehn Jahren in den Blick. Ziel war es, sie nach Schmerzregion (Schmerzen im Rücken, in den unteren bzw. oberen Extremitäten) in Schmerzgruppen einzuteilen, den Anteil der Kinder in jeder Schmerzgruppe zu bestimmen und diese Beziehung auf Basis des Geschlechts, des Alters und der Anzahl und Länge der Perioden mit Schmerzen zu beschreiben. [Anm.: Als untere Extremitäten sind Beine und Füße definiert. Als obere Extremitäten sind die Arme definiert.]

Schmerzen im Muskel-Gelenk-Apparat bei Schülern können einen negativen Einfluss auf die Sportausübung haben und physische Aktivität in der Kindheit ist wichtig für die Gesundheit in der Kindheit und im späteren Alter. Zudem sind Schmerzen im Muskel-Gelenk-Apparat mit psychischem Stress, suboptimalen Beziehungen mit Gleichaltrigen, Schulabwesenheit, Pubertät und verminderter Lebensqualität verbunden worden. Um unser Verständnis in diesem wichtigen Bereich zu erhöhen und zu lernen, wann und wie interveniert werden sollte, wird mehr grundlegendes epidemiologisches Wissen benötigt über das Vorkommen und die Verteilung von Problemen im Muskel-Gelenk-Apparat im frühen Lebensalter.

In der Zeit von 2011 bis 2014 wurden Daten von über 1.000 dänischen Schulkindern erhoben, indem wöchentliche SMS Antworten von den Eltern gesammelt wurden, die angaben, ob ihr Kind Schmerzen im Rücken, in den unteren und/oder oberen Extremitäten hat. Die Ergebnisse wurden für jedes Schuljahr einzeln präsentiert.

Wenn Schmerz definiert wird als mindestens eine Woche Schmerzen während eines Schuljahres, konnten dänische Schulkinder in drei fast gleich große Gruppen eingeteilt werden für jedes Schuljahr. Etwa 30% berichteten von keinen Schmerzen, etwa 40% berichteten von Schmerzen in einer Körperregion und etwa 30% berichteten von Schmerzen in zwei oder mehr Körperregionen. Meist hatten die Kinder Schmerzen in den unteren Extremitäten (ca. 60%), gefolgt von Rückenschmerzen (ca. 30%) und Schmerzen in den oberen Extremitäten (ca. 23%). Doppelt so viele Mädchen berichteten von Schmerzen in allen drei Körperregionen im Vergleich zu Jungen (10% vs. 5%) mit keinen anderen statistisch relevanten Geschlechts- oder Altersunterschieden. Wenn Schmerz definiert wird als mindestens drei Wochen Schmerzen während eines Schuljahres, berichteten 40% der Schüler von Schmerzen mit ähnlichen Mustern wie denjenigen für die Schmerzdefinition von einer Woche.

Zu welchem Schluss kamen die Forscher? Schulkinder in Dänemark erlebten oft Schmerzen an mehr als einer Körperregion während eines Schuljahres und eine signifikant höhere Anzahl von Mädchen als Jungen berichtete von Schmerzen in allen drei Körperregionen. Dies könnte darauf hinweisen, dass der Muskel-Gelenk-Apparat als eine Einheit betrachtet werden sollte und zwar sowohl für klinische als auch für wissenschaftliche Zwecke.

Quelle:

Fuglkjær, Signe/Vach, Werner/Hartvigsen, Jan/Boe Dissing, Kristina/Junge, Tina/Hestbæk, Lise 2020: Musculoskeletal pain distribution in 1,000 Danish schoolchildren aged 8–16 years, in: Chiropractic & Manual Therapies 28.45, unter: https://chiromt.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12998-020-00330-9 (abgerufen am 20.08.2020).

23.08.2020 Ι aus der Forschung

Feste Intervallbehandlungen reduzieren die Anzahl der Tage mit Schmerzen

Eine kürzlich erschienene Studie zeigt, dass Patienten von Chiropraktoren weniger Tage mit einschränkenden (aktivitätseinschränkenden) unteren Rückenschmerzen (LWS-Schmerzen) hatten, wenn sie Behandlungen in festen eingeplanten Intervallen unabhängig von Symptomen erhielten (maintenance care) im Vergleich zu Patienten, die eine Behandlung erst nach dem Eintreten einer neuen Episode von Rückenschmerzen im unteren Rücken nachfragten. Der Mehrwert unterschied sich nach psychologischer Subgruppe. Die Ziele der Studie von Forschern aus Schweden und Dänemark waren die Untersuchung von Schmerzkurven, das Auftreten von neuen Episoden von Rückenschmerzen und die Länge der aufeinanderfolgenden schmerzfreien Zeiträume und die gesamte Zahl schmerzfreier Wochen und zwar für alle Studienteilnehmer und für jede psychologische Subgruppe.

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Chiropraktor Alexander Meier zeigt, wo die Lendenwirbelsäule ist und wo man von Rückenschmerzen im unteren Rücken spricht.

Die Daten von 319 Patienten bildeten die Grundlage der Studie. Es wurde eine Analyse der Daten eines randomisierten Kontrollversuchs vorgenommen bei dem Patienten chiropraktische Behandlungen für wiederauftretende oder anhaltende Rückenschmerzen im unteren Rücken (LWS-Schmerzen) bekamen. Es wurden 52 wöchentliche Schätzungen von Tagen mit Rückenschmerzen im unteren Rücken, die aktivitätseinschränkend waren, in die Studie einbezogen. Eine Analyse wurde vorgenommen, um die Schmerzkurve vor und nach der Anfnagsbehandlung in jeder neuen Behandlungsperiode zu erhalten. Danach wurde unter Rückgriff einer Zeit-zu-Ereignisanalyse (durch Cox-Regression) die Zeit bis/das Risiko für eine neue Episode für Rückenschmerzen im unteren Rücken geschätzt. Die Analysen wurden einmal für alle Studienteilnehmer und einmal für jede psychologische Subgruppe, die nach dem West Haven-Yale Multidimensional Pain Inventory klassifiziert wurde (anpassende, zwischenmenschlich gestresste und dysfunktionale), vorgenommen. Personen in der anpassungsfähigen Gruppe weisen eine erfolgreichere Anpassung an chronische Schmerzen auf, während zwischenmenschlich gestresste Personen keine angemessene soziale Unterstützung haben. Personen in der dysfunktionalen Gruppe sind charakterisiert durch hohe Einschränkungen, gefühlsbetonten Stress und Schmerzintensität.

Zu welchem Ergebnis kamen die Forscher? Patienten, die sich in festen Intervallen unabhängig von Symptomen vorstellten (maintenance care), hatten flache Schmerzkurven um jede Behandlungsperiode herum und berichteten weniger Tage mit Schmerzen im Vergleich zur Kontrollgruppe. Der gesamte Effekt war der dysfunktionalen Subgruppe zugeschrieben, die weniger Tage mit aktivitätseinschränkendem Schmerz mit jeder neuen Episode von Rückenschmerzen im unteren Rücken (LWS-Schmerzen) und auch längere schmerzfreie Zeiträume zwischen den Episoden mit einem Unterschied von 9,8 Wochen im Vergleich zur Kontrollgruppe hatte. Es gab keine Unterschiede hinsichtlich Zeit bis/Risiko für eine neue Episode von Rückenschmerzen in keiner der Subgruppen.

Die Daten unterstützen den Rückgriff auf feste Intervallbehandlungen unabhängig von Symptomen (maintenance care) in einem geschichteten Behandlungsmodell und zwar mit Fokus auf dysfunktionale Patienten. Für eine ausgewählte Gruppe von Patienten mit wiederauftretenden oder anhaltenden Rückenschmerzen im unteren Rücken (LWS-Schmerzen) entwickelt sich der Behandlungsverlauf stabiler und die Zahl der schmerzfreien Wochen zwischen den Episoden steigt an, wenn sie feste Intervallbehandlungen unabhängig von Symptomen erhalten. Wenn man versteht, wie Subgruppen von Patienten wahrscheinlich betroffen sind von maintenance care, kann dies dabei helfen, die Erwartungen sowohl von Chiropraktoren als auch von Patienten auf realistisch zu erwartenden Ergebnissen zu basieren.

Quelle: 

Eklund, Andreas/Hagberg, Jan/Jensen, Irene/Leboef-Yde, Charlotte/Kongsted, Alice/Lövgren, Peter/Jonsson, Mattias/Petersen-Klingberg, Jakob/Calvert, Christian/Axén, Iben 2020: The Nordic maintenance care program: maintenance care reduces the number of days with pain in acute episodes and increases the length of pain free periods for dysfunctional patients with recurrent and persistent low back pain – a secondary analysis of a pragmatic randomized controlled trial, in: Chiropractic & Manual Therapies, 28 (1): 19, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32316995/ (abgerufen am 05.08.2020)

Anmerkung: Im Chiropraktor-Haus arbeiten wir bei ausgewählten Patienten mit maintenance care. Diese Patienten kommen nach Abschluss des akuten Behandlungsverlaufs alle 2 Monate, alle 3 Monate, alle 4 Monate oder alle 6 Monate. So können Gelenkblockaden oder Muskelverspannungen gefunden werden, bevor die Ausgleichsfunktion des Körpers erneut erschöpft ist und Schmerzen entstehen.

06.08.2020 Ι aus der Forschung

Kognitive Therapie bei Personen mit unspezifischen anhaltenden Rückenschmerzen

Patienten mit unspezifischen anhaltenden Rückenschmerzen, die nicht auf Interventionen des Primärsektors anschlagen, benötigen effektive, nicht kostenintensive Interventionen, die mit einem niedrigen Risiko einhergehen [Anm.: Die Studie fand in Dänemark statt. Unter den Primärsektor fallen in Dänemark niedergelassene Ärzte und Chiropraktoren. Als sekundärer Sektor werden Krankenhäuser definiert]. Die kognitive funktionale Therapie ist ein vielversprechender multimodaler Verhaltensansatz mit einem Selbstmanagementzugang. Die kognitive funktionale Therapie hat vielversprechende Ergebnisse im Primärsektor erzielt und wurde noch nicht im Sekundärsektor getestet.

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Chiropraktor Alexander Meier zeigt, wo die Lendenwirbelsäule ist. Viele Rückenschmerzen sind LWS-bedingt.

Das Ziel der Forscher aus Dänemark und Australien war es, den Effekt von kognitiver funktionaler Therapie zu erforschen und mit dem üblichen Ansatz bei Patienten mit unspezifischen anhaltenden Rückenschmerzen zu vergleichen. Die Studie wurde als fallkontrollierte Studie designt. Sie fand im Sekundärsektor statt und zwar im Rückenzentrum von Süddänemark. [Anm.: Das Rückenzentrum von Süddänemark untersucht, behandelt und führt als spezialisierte Krankenhauseinheit Rückenpatienten aus der ganzen Region Süddänemark. Ärzte oder Chiropraktoren überweisen an das Rückenzentrum. Im Rückenzentrum werden die besonders schweren Fälle behandelt, die nicht auf Behandlungen im Primärsektor anschlagen oder die möglicherweise operiert werden sollten. Operationen werden in Dänemark nicht so leichtfertig wie in Deutschland getätigt, sondern es müssen erst alle konservativen Mittel ausgeschöpft werden, bevor die Dänische staatliche Krankenkasse eine Operation auch nur in Erwägung zieht. Beispielsweise werden in Dänemark Bandscheibenvorfälle kaum operiert. Chiropraktorstudenten an der Süddänischen Universität müssen im Masterstudiengang neun Monate im Rückenzentrum arbeiten, um die besonders schweren Fälle „in die Hände zu bekommen“. Daher sind Chiropraktoren, die in Dänemark studiert haben, bei schwierigen Fällen im Alltag besser gewappnet als Chiropraktoren, die in anderen Staaten studiert haben, wo kein solches Praxisjahr in einem auf Rückenschmerzen spezialisierten Krankenhaus besteht (außer in der Schweiz)].

39 Patienten erhielten eine Intervention mit kognitiver funktionaler Therapie und wurden mit 185 Patienten in der Kontrollgruppe verglichen, die die übliche Intervention erhielten. Das primäre Ergebnis war der Roland Morris Disability Questionnaire [Anm.: ein standardisierter Fragebogen zu Bewegungseinschränkungen]. Die Gruppen-Differenzen beim Zeitpunkt sechs Monate und beim Zeitpunkt 12 Monate wurden mit statistischen Analysen geschätzt.

Zu welchem Ergebnis kamen die Forscher? Zum Zeitpunkt nach sechs Monaten war die Gruppe der kognitiven Therapie statistisch signifikant und klinisch relevant im Behinderungsunterschied besser aufgestellt. Signifikante Unterschiede gab es auch für Rückenschmerzen und Beinschmerzen, Angst, Ängstlichkeit und Katastrophisieren, wobei die Gruppe der kognitiven Therapie begünstigt war [Anm.: Katastrophisieren ist ein Fachbegriff aus der Klinischen Psychologie. Darunter versteht man die Neigung, negative Aspekte einer Situation oder mögliche negative Konsequenzen in übertriebenem Maße wahrzunehmen, darüber zu grübeln oder diese vorauszusehen]. Zum Zeitpunkt von 12 Monaten war der Unterschied kleiner und nicht mehr statistisch signifikant. Die Unterschiede bei Beinschmerzen und bei Angst blieben signifikant die Gruppe der kognitiven Therapie begünstigend. Die Zufriedenheit mit der Behandlung war signifikant höher in der Gruppe der kognitiven Therapie zum Zeitpunkt von sechs Monaten und zum Zeitpunkt von 12 Monaten.

Diese Studienergebnisse unterstützen die Annahme, dass kognitive funktionale Therapie förderlich ist für Patienten mit unspezifischen anhaltenden Rückenschmerzen, die nicht auf Interventionen des Primärsektors anschlagen. Weitere randomisierte [Anm.: zufällige gewählte Studienteilnehmer pro Gruppe] kontrollierte Studien könnten Booster-Sitzungen beinhalten, die in größeren Effekten zum Zeitpunkt von 12 Monaten resultieren könnten.

Quelle:

Ussing, Kasper/Kjær, Per/Smith, Anne/Kent, Peter/Jensen, Rikke/Schiøtty-Christensen, Berit/O’ Sullivan, Peter 2020: Cognitive Functional Therapy for People With Nonspecific Persistent Low Back Pain in a Secondary Care Setting-A Propensity Matched, Case-Control Feasibility Study, in: Pain medicine, 27. März 2020, unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32221554/#affiliation-1 (abgerufen am 09.07.2020)

10.07.2020 Ι aus der Forschung