Psychologische Aspekte sind ein bedeutender Faktor bei der Entwicklung und dem Fortschreiten von Rückenschmerzen im unteren Rücken (Lendenwirbelsäule). Ihre Rolle für andauernde schwere Rückenschmerzen ist gleichwohl unklar.

Quelle: Kiropraktoren Nr. 2 2018 S. 13

Das Ziel der Forschergruppe aus Dänemark und Australien war es, die Beziehung zwischen Katastrophisieren, Depression, Angst vor Bewegung, Ängsten und andauernden schweren Rückenschmerzen im unteren Rücken und Bewegungseinschränkungen zu erforschen. Das Forschungsdesign war als einjährige Kohortenstudie angelegt. Die Teilnehmer wurden aus dem SpineData-Register (Wirbelsäulendatenregister) (Dänemark) ausgewählt. Das SpineData-Register enthält die Daten von Personen mit Rückenschmerzen im unteren Rücken mit einer Dauer zwischen zwei und 12 Monaten und Nervendruck (Radikulopathie) und ohne befriedigende Reaktion einer primären Intervention. [Anmerkung: In den skandinavischen Staaten gibt es langzeitübergreifende Datensammlungen von Gesundheitsdaten der Bevölkerung, die für Forschungszwecke zur Verfügung stehen. Auf Gesundheitsdaten der Bevölkerung kann über die staatliche Personenregisternummer leicht zugegriffen werden. Das kann man sich so vorstellen, als ob die Gesundheitsdaten in Deutschland mit der Personalausweisnummer verknüpft wären.] Psychologische Charakteristika, darunter Katastrophisieren, Depression, Angst vor Bewegung und Ängste, wurden zu einem Ausgangszeitpunkt untersucht und zwar unter Rückgriff auf einen bewertenden Fragebogen. [Anmerkung: Katastrophisieren – das ist ein Fachbegriff aus der Klinischen Psychologie. Darunter versteht man die Neigung, negative Aspekte einer Situation oder mögliche negative Konsequenzen in übertriebenem Maße wahrzunehmen, darüber zu grübeln oder diese vorauszusehen.] Aktueller, typischer und schlimmster Schmerz in den letzten zwei Wochen wurde bewertet durch eine numerische 11-Punkte-Skala. Ein durchschnittliches Schmerzlevel wurde berechnet. Bewegungseinschränkungen wurden gemessen, indem auf den 23-Item Roland-Morris-Bewegungseinschränkungs-Fragenbogen zurückgegriffen wurde.

Die Studienteilnehmer füllten Fragebogen zu Beginn der Studie aus bei der ersten Vorstellung im Rückenzentrum (Middelfart, Dänemark) [Anmerkung: Das Rückenzentrum in Middelfart gehört zum Krankenhaus Lillebælt und ist für die besonders schweren Fälle zuständig. Dorthin wird typischerweise vor der Entscheidung, ob eine Operation durchgeführt werden sollte, überwiesen. Operationen werden in Dänemark nicht so leichtfertig wie in Deutschland getätigt, sondern es müssen erst alle konservativen Mittel ausgeschöpft werden, bevor die Dänische staatliche Krankenkasse eine Operation auch nur in Erwägung zieht. Beispielsweise werden in Dänemark Bandscheibenvorfälle kaum operiert. Alle Chiropraktor-Studenten, die in Dänemark das 5-jährige Studium Klinische Biomechanik absolvieren, müssen im Masterstudiengang ein 9 monatiges Hands-on-Praktikum im Rückenzentrum in Middelfart machen, um besonders schwere Fälle kennen zu lernen und behandeln zu können. Dies unterscheidet das Universitätsstudium in Dänemark qualitativ deutlich von den Chiropraktor-Studiengängen in anderen europäischen Staaten (außer der Schweiz).] Fragebogen wurden im weiteren Studienverlauf elektronisch gesendet und zurückgeschickt. Mit statistischen Analyseverfahren wurde die Beziehung zwischen psychologischen Faktoren und der Anzahl der Episoden von schwerem Schmerz oder Bewegungseinschränkung untersucht. Die Studie erhielt keine direkte Förderung von irgendeiner Institution.

Von den 952 Teilnehmern zum Beginn der Studie, stellten 633 (63,4%) ein Jahr später Daten bereit. Fast die Hälfte der Teilnehmer berichtete von schweren Rückenschmerzen im unteren Rücken (299, 47,2%) oder Bewegungseinschränkungen (315, 57,6%) mindestens zu einem Zeitpunkt. 14,9% der Teilnehmer erlebten schwere Rückenschmerzen im unteren Rücken und 24,3% der Teilnehmer erlebten Bewegungseinschränkungen zu mindestens zwei Zeitpunkten. Analytische Verfahren (multivariable Poisson regression) zeigten eine Beziehung zwischen Katastrophisierung, Depression, Angst vor Bewegung und Ängsten und eine höhere Anzahl von Zeitpunkten mit schweren Rückenschmerzen im unteren Rücken und Bewegungseinschränkungen, nachdem für Alter, Geschlecht, Body Mass Index, und Dauer der Symptome kontrolliert worden war. Wenn alle psychologischen Faktoren in das statistische Analysemodell (Regression) hinzugefügt wurden, blieb ein signifikanter Zusammenhang nur mit Katastrophisierung und Depression.

Zu welchem Ergebnis kamen die Forscher? Die Studie zeigt, dass andauernde schwere Rückenschmerzen im unteren Rücken und Bewegungseinschränkungen verbreitet sind in einer sekundären Behandlungspopulation mit Rückenschmerzen im unteren Rücken. Andauernde schwere Rückenschmerzen im unteren Rücken und Bewegungseinschränkungen stehen in Zusammenhang mit verschiedenen psychologischen Risikofaktoren, insbesondere mit Katastrophisieren und Depression. Die Studie zeigt, dass es wichtig ist, diese psychologischen Faktoren im Design und Evaluation der Behandlungsergebnis-Studien für Rückenschmerzen im unteren Rücken zu bedenken.

Quelle:

Ranger, TA/Cicuttini,FM/Jensen, TS/Manniche, C/Heritier S/Urquhart, DM 2020: Catastrophization, fear of movement, anxiety, and depression are associated with persistent, severe low back pain, and disability, in: The Spine Journal – official journal of the North American Spine Society, unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/32045707 (abgerufen am 24.04.2020)

27.04.2020 Ι aus der Forschung