Professorin Lise Hestbæk, Lehrstuhl für Klinische Biomechanik an der Süddänischen Universität (SDU), hat auf einen Debattenbeitrag in der Zeitung Politiken vom 19.01.2020 reagiert. Dort hat der Pädagoge Jesper Kjems, der Vater von drei Kindern ist, wovon zwei die Diagnose Kolik erhalten haben, sich dafür ausgesprochen, die Eltern von Kolikkindern ernst zu nehmen, den Kindern nicht zu bescheinigen, kerngesund zu sein, und den verzweifelten Eltern Unterstützung zu geben. Die Frustration auf Seiten der Eltern würde dadurch weiter gefördert, dass es keine fundierte Behandlung gebe, die die Symptome lindern können, so Kjems. Der Pädagoge hat ein Buch mit dem Titel „Kolik – ein Weg durch die Krise“ geschrieben, das im Herbst veröffentlicht wird. Kjems hat die Vision, dass eines Tages die Ursache der Kolik gefunden werde und eine Kur entwickelt würde.

Quelle: Dansk Kiropraktor Forening 2020

Koliken sind als anhaltendes und unerklärliches Weinen bei einem Kind definiert, das sich ansonsten normal entwickelt, erläutert Professorin Lise Hestbæk. „Kolik“ werde bedauerlicherweise häufig als Diagnose angesehen und vielfach mit Darmproblemen verbunden. Dabei ist Kolik keine Diagnose und keine Krankheit, sondern sagt lediglich etwas über den Zustand „stark weinendes Kind“ (Symptome) aus. Die „Diagnose“ beruht ausschließlich auf Weinen und Weinen kann viele Ursachen haben, so Hestbæk. Die Professorin stellt klar, dass es daher unwahrscheinlich ist, die eine Ursache und im nächsten Schritt Heilung, die allen weinenden Säuglingen hilft, für Koliken zu finden. Wir müssten andere Wege gehen, um besser einzuschätzen, warum das Kind weint, so die Forscherin. Vor einem solchen Hintergrund könne man eine sinnvolle Behandlungsstrategie entwickeln.

Es gebe einige Behandlungsarten mit teilweise dokumentierter Wirkung, so die Forscherin der SDU. Die am besten untersuchten Behandlungen seien Chiropraktik (vom Chiropraktor, zum Unterschied Chiropraktor Chiropraktiker Chirotherapeuth Osteopath) und probiotische Behandlung. Gleichwohl könnten Chiropraktik und probiotische Behandlung nicht allen Babys bei Koliken helfen. Wenn das Baby wegen Gelenkblockaden und Muskelverspannungen schreie, sei es wahrscheinlich, dass Chiropraktik helfen kann, während Probiotika-Behandlung eher helfe, wenn das Weinen von einem gestörten Darmsystem herrühre. Darüber hinaus gebe es Hinweise darauf, dass einige Babys wegen einer Unverträglichkeit gegenüber Kuhmilcheiweiß weinen. In diesem Fall wäre es wahrscheinlich hilfreich, wenn Kuhmilch von der Ernährung ausgeschlossen würde (bzw. die Mutter auf Kuhmilch verzichtet während der Stillzeit). In anderen Fällen hätten die Eltern möglicherweise noch nicht gelernt, wie man das Baby liest – hier kann ein Leistungserbringer Unterstützung geben. Vielleicht habe das Kind auch Ohrenschmerzen. Es gebe mehrere mehr oder weniger wahrscheinliche Ursachen für das Weinen und daraus folgende Optionen für die Behandlung, erläutert Hestbæk.

Es gebe daher keine einzige Ursache und keine einzige Behandlung. Die vernünftigste Strategie bei einem stark weinenden Baby wäre, die wahrscheinlichste Ursache für das Weinen zu identifizieren und eine entsprechende Behandlung zu wählen und auszuprobieren. Hier helfe ein guter Dialog mit einem Leistungserbringer, so Professorin Hestbæk. Wenn die gewählte nicht wirke, solle man die zweitwahrscheinlichste Ursache annehmen und eine entsprechende Behandlung ausprobieren. Sollten die Eltern die richtige Behandlung gewählt haben, sei eine sehr schnelle Wirkung zu erwarten. Man sollte daher nicht wochenlang auf eine Besserung hoffen. Bei keiner der genannten Behandlungen seien schwerwiegende Nebenwirkungen festgestellt worden, so die Forscherin von der SDU.

Mit diesem Beitrag möchte sie dazu ermutigen, sagt Professorin Lise Hestbæk, weinende Babys mit einer nuancierten Brille zu betrachten und einen offenen Dialog über das individuelle Baby als Eltern untereinander und mit Ärzten, Chiropraktoren, Hebammen, Gesundheitsdienstleistern und allen anderen zu führen.

[Anm.: Lise Hestbæk erwähnte Forschung zu Chiropraktik bei Koliken. Hier finden Sie Zusammenfassungen von Forschungsartikeln zu Babykoliken. Zu Babykoliken wird gerade ein Forschungsprojekt am Nordischen Institut für Chiropraktik und Klinische Biomechanik durchgeführt, das den Wirkmechanismus von Chiropraktik bei Babykolik genauer untersuchen soll].

Quelle:

Hestbæk, Lise 2020: Kolik – sygdom eller symptom?, unter: https://www.danskkiropraktorforening.dk/nyheder/2020/kolik-sygdom-eller-symptom/

Chronik der Debatte: https://politiken.dk/debat/kroniken/art7591185/Desperate-for%C3%A6ldre-har-brug-for-anerkendelse-og-st%C3%B8tte

11.02.2020 Ι aus der Forschung