Rückenschmerzen im unteren Rücken stehen an erster Stelle der Ursachen für Bewegungseinschränkungen weltweit und fast jeder wird zu einem Zeitpunkt seines Lebens Rückenschmerzen im unteren Rücken erleben. Rückenschmerzen im unteren Rücken folgen oft einem episodischen Muster, wobei die meisten Episoden gutartig sind. Gleichwohl gehen manche Episoden in einen anhaltenden Zustand über und manche Personen entwickeln Bewegungseinschränkungen zusammen mit ihren Rückenschmerzen im unteren Rücken. Ein wichtiger Faktor, der die Entwicklung von Bewegungseinschränkungen bei Personen mit Rückenschmerzen im unteren Rücken beeinflussen kann, sind deren Glaubenssätze über Rückenschmerzen.

Eine Methode, diese Glaubenssätze zu messen, ist der Rückgriff auf den Fragebogen Back Belief Questionnaire (BBQ), der 1996 entwickelt wurde. Der Fragebogen besteht aus Aussagen im Hinblick auf wahrgenommene unausweichliche negative Konsequenzen einer Episode von Rückenschmerzen wie zum Beispiel „Rückenprobleme heißt Schmerzperioden für den Rest seines Lebens“ oder „Wenn Du einmal Rückenschmerzen gehabt hast, ist da immer eine Schwachstelle“. Der Fragebogen BBQ) wurde breit genutzt und validiert.

Negative Glaubenssätze für den Rücken stehe in Zusammenhang mit Schmerzgeschichte, Verhalten der Suche nach medizinischer Unterstützung und schwächere Ergebnisse (outcomes) von Rückenschmerzen im unteren Rücken wie stärkere Bewegungseinschränkung und Schmerz. Schlecht angepasste Krankheitswahrnehmung werden in Zusammenhang gestellt mit stärkeren Schmerzen und niedriger physischer Funktion bei Patienten mit Schmerzen im Bewegungsapparat. Obwohl die Evidenz annimmt, dass negative Glaubenssätze in Bezug auf Rückenschmerzen in Zusammenhang stehen mit Rückenschmerzen im unteren Rücken und Bewegungseinschränkung, fehlen immer noch hochqualitative Studien, die Glaubenssätze in Bezug auf Rückenschmerzen in der klinischen Population untersuchen. Patienten mit anhaltenden Rückenschmerzen nehmen ihren Rücken wie eine kaputte Maschine wahr, was darauf zurück geführt wurde, was sie von Gesundheitsdienstleistern gelernt hatten. Damit klinisches Personal keine negativen Glaubenssätze vermittelt und die vorhandenen Glaubenssätze adressiert, muss verstanden werden, wie Glaubenssätze entwickelt werden und welcher Typ und welches Ausmaß von Glaubenssätzen schädlich sein könnte für die Genesung von Patienten mit Rückenschmerzen im unteren Rücken.

Das Ziel der Studie von Søren Grøn und seinen Kollegen war, die Glaubenssätze in einer gemischten klinischen Population von Patienten mit Rückenschmerzen im unteren Rücken zu beschreiben und herauszufinden, ob bestimmte Patientencharakteristika mit bestimmten Glaubenssätzen in Zusammenhang stehen.

Patienten im Alter von mindestens 18 Jahren, die sich mit einer neuen Episode von Rückenschmerzen im unteren Rücken mit oder ohne ausstrahlendem Schmerz und aller Symptomdauer vorstellten, wurden bei Chiropraktor-Praxen in Dänemark rekrutiert. [Anmerkung: Chiropraktoren in Dänemark sind sowohl im Primärsektor (Praxen) als auch im Sekundärsektor (Krankenhäuser) tätig. Der Patient kann sich direkt vorstellen und benötigt keine Überweisung für Chiropraktor-Leistungen. Chiropraktor-Leistungen sind Leistungen der staatlichen Krankenkasse.] 2.293 Patienten wurden in die Studie einbezogen. Der BBQ-Fragebogen wurde beim ersten Besuch, nach drei Monaten und nach 12 Monaten ausgefüllt. Soziodemographische und symptombezogene Fragen wurden zum Ausgangspunkt der Studie beantwortet. Ein BBQ-Summenergebnis wurde zu allen drei Zeitpunkten berechnet und verschiedene statistische Analysen wurden durchgeführt.

Im Allgemeinen war das BBQ-Summenergebnis hoch und zeigte positive Glaubenssätze in Bezug auf Rückenschmerzen an, jedoch mit einer weiten Spanne der beobachteten Ergebnisse. Zu allen drei Zeitpunkten war die Aussage 14 „Später im Leben werden Rückenschmerzen fortschreitend schlimmer“ die Aussage, der die meisten Patienten zustimmten (34% zum Ausgangszeitpunkt, 26% zum 3-Monate-Zeitpunkt und 31% zum 12-Monate-Zeitpunkt). Darauf folgte Aussage 6 „Rückenprobleme macht alles im Leben schlimmer“. Die Aussage 1 „Es gibt keine richtige Behandlung für Rückenprobleme“ (6%, 8% und 9%) war die Aussage, der am wenigsten Patienten zu allen drei Zeitpunkten zustimmten. Die am zweitwenigsten gewählte Aussage war Aussage 10 „Rückenprobleme meint lange Perioden weg von der Arbeit“ (12%, 8% und 10%).

Die BBQ-Ergebnisse zum Ausgangszeitpunkt wurden mit fast allen untersuchten Patientencharakteristika mit p-values < 0.05 assoziiert, aber die meisten Zusammenhänge waren schwach und erklärten wenig der Varianz der BBQ-Ergebnisse. Der stärkste Zusammenhang war zwischen negativen Glaubenssätzen und schwerer Bewegungseinschränkung im Vergleich zu keiner Bewegungseinschränkung. Zudem waren eine lange Geschichte von Rückenschmerzen und hohe Schmerzintensität mit negativen Glaubenssätzen assoziiert. Weibliche Patienten hatten mehr positive Glaubenssätze als männliche Patienten.

Vor der Studie hatten 67% der Teilnehmer medizinische Hilfe für frühere Episoden von Rückenschmerzen im unteren Rücken gesucht und 33 % hatten medizinische Hilfe bei anderen Gesundheitsdienstleistern für die aktuelle Episode gesucht. Es wurde keine systematische Beziehung beobachtet zwischen irgendeiner früheren Suche nach medizinischer Hilfe und BBQ-Ergebnissen, aber es wurden mehr negative Glaubenssätze berichtet von denjenigen Patienten, die einen Allgemeinmediziner aufgesucht hatten im Vergleich zu jenen, die keine Allgemeinmedizin in Anspruch nahmen. Diejenigen, die einen anderen Gesundheitsdienstleister für ihre aktuelle Episode von Rückenschmerzen aufgesucht hatten, hatten 0,95 Ergebnisse niedriger beim BBQ im Vergleich zu denjenigen, die keinen anderen aufgesucht hatten. Die Vorstellung bei einem Allgemeinmediziner hatten die stärkste negative Assoziation mit Glaubenssätzen. Patienten, die mehr als einen Gesundheitsdienstleister für ihre aktuelle oder frühere Episode von Rückenschmerzen aufgesucht hatten, hatten niedrigere BBQ-Ergebnisse im Vergleich zu denjenigen, die keinen oder nur einen Gesundheitsdienstleister aufgesucht hatten.

Zum Zeitpunkt von drei Monaten und 12 Monaten stimmten Teilnehmer ohne Rückenschmerzen mehrheitlich der Aussage 6 „Rückenprobleme macht alles im Leben schlimmer“ (32% sowohl beim 3-Monate- als auch beim 12 -Monate-Zeitpunkt) zu, gefolgt von Aussage 8 „Rückenprobleme bedeutet, dass Du im Rollstuhl enden wirst“ (26% bzw. 24%). Zum Zeitpunkt von drei Monaten stimmten die wenigsten Patienten Aussage 1 (5%) gefolgt von Aussage 3 „Rückenprobleme bedeutet Schmerzperioden für den Rest seines Lebens“ (10 %) zu. Zum Zeitpunkt von 12 Monaten stimmten die wenigsten Patienten Aussage 3 (6%) gefolgt von Aussage 1 (7%) zu.

Zu welchem Ergebnis kamen die Forscher? Dies ist die erste Studie, die Glaubenssätze in Bezug auf Rückenschmerzen in einer klinischen Kohorte von Chiropraktor-Patienten zu verschiedenen Zeitpunkten während und nach der Suche nach medizinischer Unterstützung untersucht. Die Forscher fanden heraus, dass die Teilnehmer überwiegend der Unausweichlichkeit von negativen Konsequenzen von Rückenschmerzen im unteren Rücken nicht zustimmten. Auf der Ebene der Population unterschieden sich die BBQ-Ergebnisse nicht stark zwischen dem Ausgangszeitpunkt, dem 3-Monate-Zeitpunkt und dem 12-Monate-Zeitpunkt. Patienten mit hoher Schmerzintensität und hoher Bewegungseinschränkung hatten die negativsten Glaubenssätze. Die Glaubenssätze unterschieden sich interessanterweise nur wenig zwischen Patienten, die genesen waren, und denjenigen, die immer noch von Schmerzen zum Zeitpunkt von 3 Monaten und/oder 12 Monaten berichteten.

[Anmerkung: Die Studie wurde in Dänemark durchgeführt. Da die Patientenpopulation in Deutschland nicht gleich sein wird, wäre es interessant, eine solche Studie zu Glaubenssätzen bei Rückenschmerzen in Deutschland durchzuführen.]

Quelle: Grøn, Søren/ Krüger Jensen , Rikke/ Jensen, Teu Secher/ Kongsted, Alice 2019: Back beliefs in patients with low back pain: a primary care cohort study, in: BMC Musculosceletal Disorders, 20: 578, https://bmcmusculoskeletdisord.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12891-019-2925-1 (abgerufen am 27.01.2020).

28.01.2020 Ι aus der Forschung