Im Jahr 2018 wurde jeder fünfte Säugling in Dänemark von einem Chiropraktor behandelt. Das sind ca. 13.000 Babys. Gründe für die Vorstellung von Kindern und Babys bei einem Chiropraktor gibt es viele, Säuglingskolik bzw. Dreimonatskoliken sind einer davon. Lise Hestbæk vom Nordischen Institut für Chiropraktik und Klinische Biomechanik fasst den Stand der Forschung zusammen.

Es wird oft behauptet, dass Babykolik eine selbstbegrenzte Erkrankung ist. Es ist auch richtig, dass das Weinen des Kindes im Allgemeinen nachlässt, aber die Forschung zeigt, dass die Folgen von Babykoliken erheblich sein können und das ehemalige Kolikkinder ein erhöhtes Risiko für Migräne, Schlafstörungen und emotionale Probleme haben [Anmerkung: Verweise auf die betreffende Foschung im Orginalartikel siehe Quellenangabe]. Die Diagnose „Säuglingskolik“ wird ausschließlich auf der Grundlage von Weinen bei einem ansonsten gesunden Säugling definiert. Daher ist der heute in der wissenschaftlichen Literatur verwendete Begriff nicht mehr „Säuglingskolik“, sondern „übermäßiges Weinen“ oder „unerklärliches Weinen“, da es viele Gründe für das Weinen geben kann. Das Wort „Kolik“ bezieht sich auf das lateinische Wort für „Darm“, was darauf hindeutet, dass man früher glaubte, das Schreien sei auf Bauchschmerzen zurückzuführen. Zu den Ätiologie-Hypothesen zählen dann Unreife des Darms, Kuhmilchallergie, unangemessene Darmflora und schlechte Peristaltik. Verbesserte Symptome wurden auch bei einer kleineren Gruppe der Kinder gezeigt, deren Kuhmilch von der Nahrung gestrichen wurde oder die probiotisch behandelt wurden. Ebenso wurde die Eltern-Kind-Beziehung als Teil der Ätiologie herangezogen, weshalb die Unterstützung der Eltern ein wesentlicher Teil der Bemühungen sein kann. Faktoren im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt wurden auch für einige Fälle von ungeklärtem Weinen angeführt und eine Theorie besagt, dass das Baby Muskel- bzw. Gelenkschmerzen hat, die die Ursache für das Weinen sind, denn Manipulationsbehandlungen scheinen einen Effekt auf diese Subgruppe zu haben. Es wird heutzutage klar, dass Schreien viele Ursachen haben kann und dass eine differenziertere Diagnose als „Bauchschmerzen“ nötig ist. Dies bedeutet, dass die Behandlung nach den wahrscheinlichsten Ursachen des einzelnen Babys differenziert werden muss.

Chiropraktor-Haus-Hamburg-Baby

Chiropraktor Alexander Meier untersucht ein Baby.

Auch Cochrane, das internationale wissenschaftliche Netzwerk, das die wissenschaftlichen Grundlagen für Entscheidungen im Gesundheitssystem verbessern will, hat sich mit Säuglingskoliken beschäftigt. Im jüngsten Cochrane-Bericht heißt es: „Die Mehrheit der Studien scheinen anzuzeigen, dass die Eltern von Säuglingen, die chiropraktische Behandlungen erhielten, weniger Stunden von Weinen pro Tag berichteten, als Eltern, deren Säuglinge keine Behandlung durch einen Chiropraktor erhielt – basiert auf Wein-Tagebücher. Dieser Unterschied war statistisch signifikant. Die Studien zeigen auch auf, dass ein größerer Anteil der Eltern, die von Verbesserung berichteten, klinisch signifikant waren. Gleichwohl hatten die Studien ein hohes Risiko der Verzerrung, die der Tatsache geschuldet war, dass die Eltern nicht blind waren, wer die Intervention bekommen hatte [Anmerkung: Es wäre für die wissenschaftlichen Ergebnisse besser, wenn die Eltern ihr Baby abgeben und nicht sehen würden, ob ihr Kind eine Behandlung bekommt oder nicht.] Wenn man nur diejenigen Studien mit einem niedrigen Risiko für Verzerrung nimmt, erreichen die Ergebnisse keine statistische Signifikanz. Weitere Forschung ist erforderlich, wo diejenigen, die das Behandlungsergebnis bewerten, nicht wissen, ob das Baby eine Behandlung durch einen Chiropraktor erhielt oder nicht“ (Dobson 2012). Eine spätere Literaturübersicht besagt, dass „einige kleine positive Effekte gefunden wurden, aber ob diese für die Eltern von Bedeutung sind, bleibt ebenso unklar wie die Handlungsmechanismen. Behandlungen durch einen Chiropraktor scheinen relativ sicher zu sein.“(Carnes 2018). Die Forscher weisen darauf hin, dass bei der Vorstellung von Babys bei einem Chiropraktor der chiropraktische Eingriff nur ein Teil der Therapie ist. Die überwiegende Mehrheit der Eltern erhält auch Beratung, Anleitung und Informationen zu normalem Weinen und der normalerweise guten Prognose.

In den Jahren seit Chiropraktor-Leistungen in Dänemark und in Norwegen in die Krankenversicherung aufgenommen wurde, gab es weder in Dänemark noch in Norwegen Beschwerden über die chiropraktische Behandlung von Kindern (unter 18 Jahre) – trotz der sehr großen Zahl von Säuglingsbehandlungen in beiden Staaten. Chiropraktoren verfügen auf Grund ihres fünfjährigen Medizinstudiums mit Fachrichtung Chiropraktik und ihrem Praktischen Jahr über die erforderliche Fachkompetenz, um Erkrankungen und Beschwerden, die bei Babys kolikartiges Weinen verursachen, zu diagnostizieren, auszuschließen und zu behandeln. Sie sind als Erstversorger im dänischen Gesundheitssystem zugelassen. Chiropraktoren untersuchen den Bewegungsapparat und wenn es dort keine Probleme gibt, wird angenommen, dass das übermäßige Weinen auf etwas anderes als biomechanische Probleme zurückzuführen ist. [Anmerkung: Informationen zum Unterschied zwischen Chiropraktoren, die dieser Artikel im Blick hat, und dem deutschen Phänomen „Chiropraktiker“ bzw. „Chirotherapeut“.]

Quelle:

Hestbæk, Lise 2019: Kiropraktik af spædbarnskolik, https://www.danskkiropraktorforening.dk/nyheder/kiropraktoren/boern/ (abgerufen am 28.10.2019)

29.10.2019 Ι aus der Forschung