Der Rückgriff auf routinemäßiges Röntgen im Berufstand der Chiropraktoren hat eine lange Geschichte. [Anmerkung: Alle Chiropraktoren haben eine Röntgenausbildung. In Deutschland dürfen Chiropraktoren, da sie sich als Heilpraktiker zulassen müssen, da es keine Entsprechung des Berufsbildes in Deutschland gibt, nicht röntgen. Routinemäßiges Röntgen wird vor allem in den USA gelehrt und ist dort verbreitet]. Aktuelle klinische Richtlinien wie in Dänemark, Kanada, Vereinigtes Königreich und USA empfehlen bildgebende Verfahren nur in Fällen von vermuteter schwerer Pathologie oder Trauma. Kontroversen bestehen mit einigen Mitgliedern des Berufstands, die der Meinung sind, dass routinemäßiges Röntgen der Wirbelsäule gemacht werden muss, um das Patientenmanagement zu verbessern, während andere Mitglieder des Berufstands dafür eintreten, Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule nur zu machen, wenn dies von klinischen Richtlinien vorgeschrieben wird. Die Studie von Hazel Jenkins und seinen Kollegen von der Macquarie University in Sydney (Australien) zielte auf eine Zusammenfassung der aktuellen Evidenz im Hinblick auf den Einsatz von Röntgen der Wirbelsäule unter Berücksichtigung der Risiken und der Vorteile. [Anmerkung: Evidenz ist der empirisch, das heißt der verlässliche nach bestimmten wissenschaftlichen Standards erbrachte Nachweis des Nutzens eines therapeutischen oder diagnostischen Verfahrens.]

Was waren die Ergebnisse der Forscher? Die aktuelle Evidenz unterstützt den Einsatz von Röntgen der Wirbelsäule nur bei der Diagnose von Trauma [Anmerkung: Bruch] und von Spondyloarthropathie [Anmerkung: degenerative und entzündliche Veränderungen an Wirbeln] und für die Bewertung von fortschreitenden Strukturverformungen der Wirbelsäule wie jugendlicher idiopathischer Skoliose. [Anmerkung: Skoliose ist eine Verkrümmung der Wirbelsäule zur Seite, die meist mit einer Drehung der Wirbelkörper einhergeht.] Ein MRT wird dafür geeignet angesehen, ernste Pathologien wie Krebs oder Infektionen zu diagnostizieren und die Notwendigkeit für operative Eingriffe bei Radikulopathie [Anmerkung: Ausstrahlung in die Beine z.B. durch Nervenwurzelreizung] und Spinalkanalstenose [Anmerkung: Verengung des Wirbelkanals] einzuschätzen. Starke wissenschaftliche Beweise (Evidenz) belegen die Risiken von bildgebenden Verfahren wie exzessive Aussetzung von Strahlung, Überdiagnostizieren, nachfolgende Untersuchung von geringem Wert, nachfolgende Behandlungsverfahren von geringem Wert und erhöhte Kosten. In den meisten Fällen übersteigen die möglichen Vorteile von routinemäßigem Rückgriff auf bildgebende Verfahren, inklusive Röntgen der Wirbelsäule, die möglichen Schäden nicht. Der Rückgriff auf Röntgen der Wirbelsäule sollte nicht routinemäßig durchgeführt werden und sollte sich an den klinischen Richtlinien und der Einschätzung durch den Behandler orientieren.

Quelle: Jenkins, Hazel/Downie, Aron/Moore, Craig/French, Simon 2018: Current evidence for spinal X-ray use in the chiropractic profession: a narrative review, in: Chiropractic & Manual Therapies, 26:48, unter: https://chiromt.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12998-018-0217-8 (abgerufen am 04.12.2018).

04.12.2018 Ι aus der Forschung