Der vitalistische Zugang unter Chiropraktoren mit dem Konzept der „Subluxation“ entbehrt sowohl biologischer Plausibilität als auch einen möglichen Beweis seiner wissenschaftlichen Gültigkeit (Validität). Gleichwohl geben einige Chiropraktoren an, Krankheiten im Allgemeinen (außerhalb des Muskel-Gelenk-Apparats) zu verhindern, indem sie chiropraktische Behandlungen ausführen. Es wird Evidenz – den wissenschaftlich nach hohen Standards eindeutig nachgewiesenen Effekt – benötigt, um zu erlauben, dass diese Praktiken weitergeführt werden dürfen.

Gibt es also Evidenz, dass chiropraktische Behandlungen an der Wirbelsäule benutzt werden können zur Primärprävention von Krankheiten und/oder früher Sekundärprävention bei Krankheiten außerhalb des Muskel-Skelett-Apparats? Das war das Ziel des Forschungsvorhabens um Guillaume Goncalves vom IFEC. [Anm.: (1) Primärprävention zielt darauf ab, die Entstehung von Krankheiten zu verhindern (z. B. Darmkrebsscreening). Sekundärprävention ist die Früherkennung von Krankheiten (z. B. eine eingetreten Krebserkrankung wird entdeckt). Eine eindeutige Abgrenzung zwischen Primärprävention und Sekundärprävention ist nicht möglich. (2) Das IFEC ist das Institut Franco Européen de Chiropraxie: Die Universität in Frankreich, die für die Durchführung des universitären Studiums der Chiropraktik zugelassen ist. Es gibt nur acht für das fünfjährige Universitätsstudium der Chiropraktik zugelassene Universitäten in Europa (in Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Spanien und der Schweiz).]

Können durch chiropraktische Behandlungen an der Wirbelsäule Krankheiten außerhalb des Muskel-Gelenk-Apparats verhindert werden? Der vitalistische Zugang bejaht dies. Der evidenz-basierte Zugang verneint dies.

Die Forscher recherchierten in wissenschaftlichen Datenbanken und auf Chiropraktik spezialisierte wissenschaftliche Zeitungen vom Erscheinungsdatum bis Oktober 2017. Sie verwendeten Stichworte wie „Chiropraktik“, „Subluxation“, „Wellness“, „Prävention“, „Wirbelsäulenmanipulation“, „Sterblichkeit“. In die Recherche wurden englischsprachige Artikel aufgenommen, die anzeigten, dass sie den klinischen präventiven Effekt von oder Vorteil von manipulativer Therapie/chiropraktischer Behandlung in Bezug zu Primärprävention und/oder früher Behandlung von physischen Krankheiten/Sterblichkeit im Allgemeinen außerhalb des Muskel-Gelenk-Apparats untersuchten. Auch Bevölkerungsstudien wurden untersucht. Die Forscher entwarfen Checklisten in Bezug auf die Beschreibung der untersuchten Forschungsartikel und einigen grundlegenden Qualitätskriterien. Die Ergebnisse der Studien wurden auf ihre methodische Qualität bezogen, wobei die Ergebnisse von jenen, die ihre Forschungsfrage nicht beantworteten, nicht berücksichtigt wurden.

Von den 13.099 untersuchten wissenschaftlichen Artikeln wurden 13 in diese Studie aufgenommen. Es handelte sich um acht klinische Studien und fünf Bevölkerungsstudien. Diese Artikel handelten von verschiedenen Gesundheitsbeschwerden wie diastolischer Blutdruck, immunologischen Blutprobenmarkern und Sterblichkeit. Nur zwei der 13 Studien konnten für die Synthese von Daten genutzt werden. Keiner der Artikel zeigte irgendeinen Effekt von Manipulation an der Wirbelsäule/chiropraktischer Behandlung.

Zu welchem Ergebnis kamen die Forscher? Sie fanden keine Evidenz (den wissenschaftlichen eindeutigen nach hohen wissenschaftlichen Standards nachgewiesenen Effekt) von chiropraktischen Behandlungen im Rahmen der Primärprävention oder früher Sekundärprävention für Krankheiten im Allgemeinen. Chiropraktoren sollten ihre Rolle als evidenz-basierte Therapeuten wahrnehmen und akzeptieren, dass es schädlich für die Berufsgemeinschaft ist, eine Bedeutung für die öffentliche Gesundheit in Bezug auf die Primärprävention oder frühe Sekundärprävention von Krankheiten außerhalb des Muskel-Gelenk-Apparats durch chiropraktische Behandlung zu implizieren.

Quelle:

Goncalves, Guillaume/Le Scanff, Christine/Leboef-Yde, Charlotte 2018: Effect of chiropractic treatment on primary or early secondary prevention: a systematic review with a pedagogic approach, in: Chiropractic & Manual Therapies, 26: 10, unter: https://chiromt.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12998-018-0179-x (abgerufen am 06.09.2019).

Dieser Artikel ist insofern relevant, als der vitalistische Zugang zur Chiropraktik weltweit weit verbreitet ist (vor allem in den USA). Einen Überblick zu orthodoxen und unorthodoxen (Subluxationskonzept) Chiropraktoren in Europa finden Sie hier: http://chiropraktor-haus.de/2018/04/23/orthodoxe-und-unorthodoxe-leitbilder-bei-chiropraktoren-in-europa/ Einige Universitäten, die für Chiropraktik zugelassen sind, in Europa haben sich gegen vitalistische Züge in der universitären Lehre ausgesprochen und sich dem evidenz-basierten Zugang der Lehre verpflichtet (weitere Informationen: http://chiropraktor-haus.de/2017/12/06/europaeische-chiropraktoren-union-meilenstein-zur-klinischen-und-beruflichen-ausbildung-von-chiropraktoren/). Auf dem Kongress des Weltverbands der Chiropraktoren im Jahr 2019 wurde von einer Neuausrichtung der Chiropraktik hin zu einem evidenz-basierten Zugang gesprochen (weitere Informationen: http://chiropraktor-haus.de/2019/04/25/wendepunkt-in-der-weltweiten-chiropraktik-orientierung-hin-zu-evidenzbasiertem-zugang/). Tatsächlich ist der vitalistische Zugang weit verbreitet und auch bei Anbietern von Chiropraktik in Hamburg zu finden.

11.09.2019 Ι aus der Forschung