Der gemeinsame Kongress des Weltverbandes für Chiropraktik (World Federation of Chiropractic (WFC)) und der Europäischen Chiropraktoren Union dieses Jahr kann als Wendepunkt in der Orientierung der Chiropraktik weltweit bezeichnet werden. Der diesjährige Kongress stand unter dem Thema „EPIC: evidence-based, patient-centred, interprofessional and collaborative“ [evidenz-basiert (basierend auf wissenschaftlichen Forschungsergebnissen, die durch Forschungsstudien, die hohen Qualitätsanforderungen genügen müssen, hervorgebracht werden), patientenfokussiert, interdisziplinär und zusammenarbeitend]. Alle zwei Jahre trifft sich die Berufsgruppe der Chiropraktoren zu einem internationalen Kongress des Weltverbands, während die Europäische Chiropraktoren Union sich jährlich in einer anderen europäischen Stadt zu einem wissenschaftlichen Kongress einfindet.

Der Kongress im Jahr 2019 war ein großer Erfolg, so der Direktor des Weltverbands für Chiropraktik Dr. Laurie Tassel. Mehr als 900 Chiropraktoren aus 52 Staaten nahmen am Kongress teil. Die Teilnehmer waren praktizierende Chiropraktoren, Chiropraktor-Studenten und Forscher im Bereich der Chiropraktik. Der Kongress bestand aus wissenschaftlichen Vorträgen, Workshops und Poster-Präsentationen und diente zudem als Plattform für internationalen Austausch und Vernetzung. So standen auch wieder Berichte aus 40 nationalen Mitgliedsverbänden auf der Tagesordnung. Vorträge wurden auch von anderen Berufsgruppen und Wissenschaftlern gehalten.

Auf diesem Kongress habe, so der Generalsekretär des WFC, Richard Brown, eine Neuausrichtung der Chiropraktik weltweit stattgefunden. Diese Neuorientierung auf evidenzbasierte, patientenfokussierte, interdisziplinäre und kooperative Grundsätze werde die Chiropraktik weltweit verändern und zum Fortschritt der Berufsgruppe beitragen. Die Begeisterung für die EPIC-Kampagne und die Grundsätze, auf denen sie basiert, seien nach Brown überwältigend gewesen. „Es gibt nun breite Anerkennung unter Chiropraktoren, dass die Aneignung von evidenzbasierten Praktiken für das Wachstum und die Akzeptanz der Berufsgruppe essenziell ist. Der Aufruf für praktizierende Chiropraktoren war, in ihrer Arbeit durch Wissenstransfer unterstützt zu werden, die Synthese der hervorkommenden besten Evidenz und die Befolgung von internationalen Richtlinien als Schlüsselbaustein für die patienten-fokussierte Behandlung“ anzuerkennen, sagte der WFC-Generalsekretär.

Weltweite Teilung in zwei Lager

Hintergrund ist, dass die Chiropraktik weltweit in zwei Lager geteilt ist. Den evidenzbasierten Chiropraktoren stehen die Vertreter des Subluxationskonzeptes gegenüber. Letztere sind der Auffassung, dass eine Gelenkblockade Ursache aller Krankheiten (einschließlich Krebs) sein kann, und sie lehnen oftmals auch die Existenz von Bakterien und Viren ab. Zudem liegt ihre Röntgenrate bei neuen Patienten erheblich höher als bei evidenzbasierten Chiropraktoren und sie behandeln erheblich mehr Patienten pro Woche als evidenzbasierte Chiropraktoren. Oftmals werden auch Flatrates angeboten und mehrere Patienten in einem Raum versammelt, in dem Glauben, dass die Behandlung des ersten Patienten bereits positive Auswirkungen auf die anderen noch nicht behandelten Patienten habe.

Während die evidenzbasierte Chiropraktik für die meisten Chiropraktoren in Europa eine Selbstverständlichkeit darstellt, ist dies weltweit oft nicht der Fall. Selbst in Europa sind nach einer Studie von 2017 20% der Chiropraktoren Vertreter von unorthodoxen Einstellungen (Subluxationskonzept) (vgl. Gislason et al. 2019).

Nichts Neues für skandinavische und schweizerische Chiropraktoren

Vor allem für dänische bzw. skandinavische und schweizerische Chiropraktoren, deren Universitätsstudium in das Medizinstudium integriert ist und die im Gesundheitssystem eine arztgleiche Rolle ausüben, brachte der diesjährige Kongress des Weltverbands und der Europäischen Chiropraktoren Union nichts Neues. Die Arbeit in Chiropraktik-Praxen und von Chiropraktoren in Krankenhäusern ist in Skandinavien wie in der Schweiz reguliert und basiert auf Richtlinien, die auf Grundlage der neuesten Forschung erstellt und überarbeitet werden. Dänemark ist zudem weltweit Spitzenreiter im Hinblick auf die Forschung im Bereich der Chiropraktik. Auch dass der Patient im Mittelpunkt stehen sollte und der Behandlungsverlauf individuell an den jeweiligen Patienten angepasst wird, unnötige Strahlenbelastung durch Röntgen vermieden wird und die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren im Gesundheitssystem angestrebt bzw. gelebt wird, ist für in Skandinavien und der Schweiz ausgebildete oder praktizierende Chiropraktoren eine Selbstverständlichkeit.

Unsere Praxis, das Chiropraktor-Haus, arbeitet mit Chiropraktor Alexander Meier, der in Dänemark das Medizinstudium mit Fachrichtung Chiropraktik absolviert hat, der in Dänemark Langezeit als Chiropraktor tätig war und der auch die Kassenzulassung des Dänischen Gesundheitsministeriums besitzt, ausschließlich evidenzbasiert und patientenfokussiert. Durch die Zulassung von Chiropraktoren als Heilpraktiker in Deutschland sind der interdisziplinären Arbeit in Deutschland Grenzen gesetzt.

Quelle:

Gislason, Halldor/ Salminen, Jari/ Sandhaugen, Linn/ Storbraten, Andreas/ Versloot, Renske/ Roug, Inger/ Newell, Dave 2019: The shape of chiropractic in Europe: a cross sectional survey of chiropractor’s beliefs and practice, in: Chiropractic & Manual Therapies, 27:16, unter: https://chiromt.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12998-019-0237-z (abgerufen am 24.04.2019).

25.04.2019 Ι aus der Praxis