Können Chiropraktoren zur Prävention von Erwerbsunfähigkeit beitragen? Eine vergleichende qualitative Analyse im skandinavischen Kontext

Schmerzen im Bewegungsapparat (Muskel-Skelett-Apparat) ist eine der häufigsten Ursachen für Erwerbsunfähigkeit in Europa und ziehen enorme sozioökonomische Folgen nach sich. Allein Rückenschmerzen sind kostenintensiv und machen bis zu einem Viertel aller Arbeitsunfähigkeiten in Staaten wie Schweden und Dänemark aus. In Norwegen basieren vier von 10 Krankschreibungen auf Schmerzen im Muskel-Skelett-Apparat. Personen mit Muskel-Skelett-Beschwerden oder anderen Schmerzen in Bezug auf Arbeitsunfähigkeit wenden sich in Europa meist an ihren Hausarzt, um eine Krankschreibung zu erhalten. Wissenschaftliche Studien im Vereinigten Königreich und in Skandinavien haben ergeben, dass Hausärzte die Relevanz von Arbeitsunfähigkeitsthemen für ihr Angebot der gesundheitlichen Erstversorgung in Frage stellen. Zwänge in Bezug auf Zeit und Ressourcen und das Fehlen von Wissen zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit wurden als hauptsächliche Hürden für Hausärzte identifiziert.

Trotz extensiven Veröffentlichungen von klinischen Richtlinien zum Management von Schmerzen im Muskel-Skelett-Apparat und Rückenschmerzen im Besonderen haben diese Anstrengungen sich nicht in einem Rückgang von Erwerbsunfähigkeit aufgrund von Schmerzen im Muskel-Skelett-Apparat niedergeschlagen. Wissenschaftliche Studien haben ein Potenzial für bessere Ergebnisse aufgezeigt und zwar durch formalisierte frühe Überweisung zu Gesundheitsdienstleistern, die vertraut sind mit den Themen Gesundheit und Beschäftigung. Gesundheitsdienstleister mit vergleichbaren beruflichen Charakteristika und unterschiedlichen klinischen Parametern können wichtige soziale und organisatorische Strategien herausstellen. Hier kommen Chiropraktoren als Experten für den Muskel-Skelett-Apparat und mit 5-jährigem medizinischen und chiropraktischem Universitätsstudium ins Spiel.

In Norwegen haben Chiropraktoren seit 2006 das Recht zur Krankschreibung. Chiropraktoren in Dänemark und in Schweden können keine Krankschreibungen ausstellen. Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen gesetzlichen Regelungen beschrieb und verglich die Forschergruppe um Mette Stochkendahl die Ansichten und Erfahrungen von Chiropraktoren in Skandinavien, die im Bereich Prävention von Erwerbsunfähigkeit und im Bereich Krankschreibungsmanagement aktiv sind.

Die Studie wurde als zwei Phasen erklärendes gemischtes Methodendesign angelegt. In einem vergleichenden qualitativen Fallstudiendesign erforschten die Wissenschaftler die Erfahrungen von Chiropraktoren und griffen dabei auf semi-strukturierte persönliche Interviews zurück. Die Ansichten und Erfahrungen wurden danach von den Forschern kodiert und neu geordnet.

Es wurden 12 Interviews geführt. Thematisch kreiste die Leistungsfähigkeit von Chiropraktoren hinsichtlich Krankschreibungen um vier Bereiche: (1) Gesetzgebung und Politik, (2) Begründung dafür, ein Krankschreibungsmanager zu sein, (3) ob ein integrierter Weg für Krankschreibungsmanager existiert/geschaffen werden könnte und (4) Hürden zur Bereitstellung der Dienstleistung eines Krankschreibungsmanagers.

Zu welchem Ergebnis kamen die Forscher? Kooperierende Gesundheitsdienstleister, in diesem Fall Chiropraktoren, mit Expertise im Patientenmanagement können eine Schlüsselrolle im Bereich Arbeitsunfähigkeitsmanagement sowie im Bereich Prävention von Erwerbsunfähigkeit spielen. Chiropraktoren haben häufigen Patientenkontakt und dies erleichtert das Krankschreibungsmanagement, da Fortschritte optimal beobachtet und Pläne darauf abgestimmt werdne können. Voraussetzung dafür ist, dass dies gesetzlich unterstützt wird. In Fällen, in denen diese Praktiken informal passieren, treffen kooperierende Gesundheitsdienstleister auf systemrelevante Themen und Herausforderungen für das berufliche Selbstbild, die sie daran hindern, eine integrierende Rolle als Anbieter von Praktiken für die Prävention von Erwerbsunfähigkeit zu übernehmen.

Quelle:

Stochkendahl, Mette/Larsen, Ole/Glissmann Nim, Casper/Axén, Ibsen/Haraldsson, Julia/Kvammen, Ole Christian/Myburgh, Corrie 2018: Can chiropractors contribute to work disability prevention through sickness absence management for musculoskeletal disorders? – a comparative qualitative case study in the Scandinavian context, in: Chiropractic & Manual Therapies, 26:15, unter: https://chiromt.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12998-018-0184-0 (abgerufen am 14.05.2018).

30.05.2018 Ι aus der Forschung

2018-06-01T09:33:02+00:00