Orthodoxe und unorthodoxe Leitbilder bei Chiropraktoren in Europa

Historisch gesehen gibt es bei Chiropraktoren unterschiedliche Meinungen zu den Leitbildern von Zugängen von Gesundheitsfürsorge und Wissenschaft, die diese Überzeugungen untermauert. Man spricht von orthodoxen und unorthodoxen Leitbildern. Ob ein Chiropraktor der orthodoxen (evidenz-basierten) Gruppe oder der unorthodoxen Strömung zugeordnet werden kann, hat Konsequenzen für die von ihm behandelten Patienten.

Wissenschaftler um McGregor berichteten, dass die Zugehörigkeit von orthodoxen und unorthodoxen Leitbildern mit Verhalten einhergingen, die den evidenz-basierten Richtlinien in Kanada widersprachen [Anm.: Evidenz-basiert heißt, dass patientenoriente Entscheidungen auf Basis von Forschungsergebnissen getroffen werden und die Forschungsstudien, die diese Forschungsergebnisse hervorbringen, strenge Kriterien erfüllen müssen].

Die orthodoxen (auf Forschungsergebnissen basierenden) und unorthodoxen Leitbilder können in fünf Aussagen abgebildet werden. Bisher wurde dies nur in Kanada untersucht. Ein leicht abgeänderter Fragebogen wurde im Frühjahr 2017 an Chiropraktoren in Europa verteilt.

Die Verbreitung erfolgte durch eine Online-Plattform mit Links zu der Umfrage, die an alle Chiropraktorenverbände in Europa gesendet wurde. Über Social Media Kanäle wurde ebenfalls der Link zur Umfrage verbreitet. 1.132 Chiropraktoren (16% der Chiropraktoren in Europa) nahmen teil. Die Glaubenssätze waren in fünf Kategorien zusammengefasst. Die Glaubenssätze reichten vom Fokus auf den Muskel-Skelett-Apparat (orthodox) bis zur Überzeugung, dass Subluxationen ein Hindernis für die Gesundheit (unorthodox) darstellen. Basierend auf den Antworten wurde eine Analyse durchgeführt.

Was war das Ergebnis?

  • 47,7% der Antworten waren dem orthodoxen/evidenz-basiertem Leitbild zuzuordnen und 18,2% der Antworten entsprachen dem unorthodoxen Leitbild.
  • Wenn man die Zahl der Neupatienten, die geröntgt wurden, vergleicht, röntgen nur 5% der orthodoxen/evidenz-basierten Gruppe ihre Neupatienten, während 23% der unorthodoxen über 50% ihrer Neupatienten röntgen.
  • Die Chiropraktoren, die annahmen, dass Subluxationen durch Röntgenaufnahmen identifiziert werden können, stellten 2% in der orthodoxe/evidenz-basierten Gruppe und 33% in der unorthodoxen Gruppe.
  • Der Anteil von Chiropraktoren, die mehr als 150 Patienten pro Woche sehen, lag in der orthodoxen/evidenz-basiertem Gruppe bei 11% und war in der unorthodoxen Gruppe mit 22% doppelt so hoch.
  • Der Anteil derjenigen, die der Aussage „Im Allgemeinen hatten Impfungen einen positiven Effekt auf die öffentliche Gesundheit weltweit“ widersprachen, lag bei 4,02% in der orthodoxen/evidenz-basierten Gruppe im Vergleich zu 56,8% in der unorthodoxen Gruppe.

Trotz der eingeschränkten Generalisierbarkeit dieser Umfrage war der Anteil von Anhängern bestimmter Glaubenskategorien erstaunlich ähnlich der Umfrage in Kanada von McGregor. Zudem und in Übereinstimmung mit den Ergebnissen für Kanada deutet das Ergebnis dieser Umfrage an, dass wichtige Praxischarakteristika, die im Gegensatz zu nationalen Richtlinien für Röntgenaufnahmen oder evidenz-basierter öffentlicher Gesundheitspolitik stehen, signifikant mit unorthodoxen Sichtweisen einhergehen. Ob ein Chiropraktor auf Forschungsergebnissen basierend arbeitet und zur unorthodoxen Gruppe gehört, hat Konsequenzen für die von ihm behandelten Patienten.

Quelle: Gíslason, Halldór Fannar/Salminen, Jari Kullervo/ Sandhaugen, Linn/Storbråten, Andreas Stenseth/ Versloot, Renske/Rouge, Inger/Newell, Dave 2017: The shape of chiropractic in Europe survey: a preliminary comparative analysis of two self selected identities, ECU convention research prasentations, Limassol, Cyprus, 25-27 May 2017, unter: https://chiromt.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12998-017-0166-7  (abgerufen am 23.04.2018)

Anmerkung: Beim Gipfel der Europäischen Chiropraktoren Union im November 2017 haben sich die Universitäten in Dänemark, Frankreich, Großbritannien und der Schweiz formal auf gemeinsame Leitlinien zur klinischen und beruflichen Ausbildung von Chiropraktoren verpflichtet:

  • Verpflichtung auf evidenz-basierten Ansatz (patientenoriente Entscheidungen werden auf Basis von Forschungsstudien getroffen, die strengen Kriterien erfüllen müssen)
  • Ablehnung des vitalistischen Konzepts: Die Lehre vom vertebralen Subluxationskomplex als einem vitalistischen Konstrukt, das annimmt, dass es die Ursache für Krankheit ist, wird nicht von Evidenz (Forschungsergebnissen) unterstützt. [Im Speziellen betrifft dies die Form des Vitalismus, die annimmt, dass, wenn die vertebrale Subluxation korrekt justiert wird, die Störung aufgehoben, der Druck beseitigt, die Belastbarkeit wieder normalisiert und die Gewebezelle wieder hergestellt wird sowie Leben und Gesundheit beginnen, wieder normal zu werden. All dies wird, so die Vitalisten, von angeborener Intelligenz (innate intelligence) gesteuert und durchgeführt] (Anm.: Vitalisten sind vor allem in den USA, Spanien und teilweise in Neuseeland vertreten. Vitalistische Strömungen wurden in letzter Zeit auch vermehrt an Universitäten in Großbritannien vorgefunden).
  • nur wenige Minuten pro Patient (bis 5 Minuten) („high volume“) wird abgelehnt
  • mehrere Behandlungsbänke in einem Raum, wo die Behandlung bei einem der Patienten sich bereits auf die anderen Patienten auswirken soll, wird abgelehnt sowie
  • das Angebot von unbegründeten „Behandlungspaketen“ (Anm.: z. B. Flatrate-Modelle) oder unbegründeten klinischen Techniken wird abgelehnt.

Mehr dazu finden Sie in unserer Mitteilung vom 06.12.2017.

Wir vom Chiropraktor-Haus arbeiten ausschließlich evidenz-basiert.

23.04.2018 Ι aus der Forschung

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